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Gute Infektion

Ulrich Knoepfel, Pfarrer der reformierten Landeskirche Glarus, hat sich mit dem momentanen Lage rund um das Coronavirus auseinandergesetzt. In den Fokus stellt er die Infektion. Er zeigt auf, dass eine Ansteckung auch gut sein kann und nicht immer mit Krankheiten in Verbindung stehen muss.

Südostschweiz
Sonntag, 29. März 2020, 04:30 Uhr Denkpause
Ulrich Knoepfel ist der Meinung, dass eine Infektion auch Gutes bewirken kann.
ARCHIV/CLAUDIA KOCK MARTI

von Ulrich Knoepfel*

Eine Ansteckung zu vermeiden, ist gegenwärtig oberstes Gebot. Um die Verbreitung des Corona-virus einzudämmen, wird das Leben ganzer Nationen stillgelegt. Und das ist richtig so.

Mit «Infektion» verbinden wir meist und gerade heute etwas Gefährliches, das es unbedingt zu verhindern gilt. Aber ansteckend sind nicht nur Krankheiten. Es gibt nämlich durchaus auch «Infektionen», die Gutes bewirken, ja, ohne die wir gar nicht leben könnten.

So kann uns eine Melodie zum Mitsingen bewegen, ein Duft kann vergessene Erinnerungen wachrufen und uns in andere Welten versetzen. Ein Witz bringt uns zum Lachen, in froher Stimmung springt der Funke über.

Eigentlich kann sich jede seelische Regung von Mensch zu Mensch übertragen: Meine Begeisterung will sich auf andere ausbreiten. Kreativer Geist kann ein Team inspirieren. Eines Menschen Hoffnung kann sich ausweiten zu einer Hoffnungsgemeinschaft. Und gleichermassen ist auch die Liebe auf Ausstrahlung und Wachstum angelegt.

Leider gilt dies ebenso von den düsteren Stimmungen: Auch Hass, Zynismus und Depression können sich ausbreiten. Doch wir Menschen sind diesen Kräften nicht hilflos ausgeliefert. Es liegt an uns, welchen Einflüssen wir uns aussetzen und vor welchen wir uns isolieren wollen.

So etwas wie Ansteckung spielt auch in Glaubensdingen. Jesus sagt: «Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Scheffel Mehl mischte, bis alles durchsäuert war.» (Matthäus 13, 33)

Jeder und jede kann zum Überträger werden; durch ein gutes Wort, eine versöhnende Geste, eine Bitte um Verzeihung.

Eine Handvoll Sauerteig infiziert eine grosse Teigmenge und macht sie so schmackhafter, verdaulicher und haltbarer. Das Bild steht für Jesu Botschaft vom Reich Gottes: Es hat das Potenzial, Menschen zu berühren, sie von innen her zu beleben und sich weiter und weiter zu verbreiten.

So ist das Gleichnis eine Einladung, uns von diesem Sauerteig anstecken zu lassen. Entscheidend ist dabei: Die Fermentierung geschieht von selbst, die Verwandlung ist nicht menschgemacht. Aus eigener Kraft wirkt hier die Liebe Gottes zur Welt und zu den Menschen.

Und diese Infektion darf und soll expandieren! Gerade in dieser schwierigen Zeit wollen sich Gottes Gaben ausbreiten. Teilen und vermehren wir sie! Jeder und jede kann zum Überträger werden; durch ein gutes Wort, eine versöhnende Geste, eine Bitte um Verzeihung. Aber auch durch aufmerksames Zuhören, durch achtsames Begleiten oder ein anderes Zeichen herzlicher Liebe.

*Ulrich Knoepfel ist Pfarrer und Kirchenratspräsident der reformierten Landeskirche Glarus

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