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Stadtlandkind

Uhr
Kristina
Schmid

Beginnt das Chaos jeden Tag von vorn, sagen wir: Herzlich Willkommen im Familienleben. Unser Alltag reiht verrückte, bunte, profane und ab und zu unfassbar perfekte Momente aneinander. Das Leben als Mama oder Papa ist eine aufregende Reise, auf die wir Euch nun mitnehmen. Ganz nach dem Motto: Unser Alltag ist ihre Kindheit.

Früher oder später kommt er – ganz sicher. Der Gedanke und die Vorstellung von einem kleinen, friedlichen Bullerbü. Einem idyllischen Leben auf dem Land. Einem Ort, an dem wir wohnen und unsere Kinder grossziehen können.

Keine Frage: Solange wir gierig nach den Möglichkeiten eines pulsierenden Stadtlebens greifen, denken wir nicht an die Privilegien eines gemächlichen Dorflebens. Vielmehr wollen wir dieser heimischen Idylle entfliehen, wollen da rauskommen. Auch ich wollte vor gut sieben Jahren weg. Raus aus dem Dorf. Rein in die Stadt. Keine Grossstadt. Aber eine Stadt. 

Mir gefiel es. Die unzähligen Menschen und Möglichkeiten. Der laute und dichte Verkehr. All das fiel mir damals nie so wirklich auf. Es störte mich nicht. Es nervte mich nicht. Ganz im Gegenteil. Täglich neue Menschen zu treffen, sie kennen zu lernen, ihren Geschichten zu lauschen und vielleicht sogar einen kurzen Lebensweg mit ihnen zu gehen – all das fand ich unglaublich spannend. All diese Menschen, die sich nur für kurze Zeit in der Stadt und in meinem Leben aufhielten, bevor sie weiterzogen.

Aber hey. Man hatte eine schöne Zeit. Beim hippen Argentinier. In der angesagten Bar. Bei Cocktails oder beim Bier. Und weiter gings. In die nächste laute und volle Location. In den nächsten Club. Dort, wo man erneut neue Bekanntschaften knüpfte. Aber eben auch nur Bekanntschaften. Ja, all das ist unglaublich abwechslungsreich. Aber auch unglaublich oberflächlich. Und irgendwann ist es auch unglaublich ausgereizt.

Es bekommt einen fahlen Beigeschmack. All diese Freundschaften und Bekanntschaften. Wir wohnen in einer Stadt und kennen uns doch nicht. Unsere Nachbarn bekommen uns höchstens alle sechs Monate mal zu Gesicht. Dann, wenn jemand zügig durchs Treppenhaus huscht.

Ja, ich liebe Chur. Die Grösse. Die Stadt ist nicht so gross wie Zürich oder Bern, aber gross genug, um noch immer anonym und irgendwie auch fremd zu bleiben. Ich liebe, was Chur zu bieten hat. Die vielen kleinen Aldtstadt-Lädeli. Die gemütlichen Cafés auf autofreien Plätzen. Die Kinos. Das Theater. Die vielen Restaurants und unzähligen Bars. Chur bietet Abwechslung. Und auch als Mama liebe ich die Stadt. Wenn auch anders. Ich schätze die vielen Spielplätze, allen voran den neuen und riesigen Quader-Spielplatz. Ich schätze die Nähe zum Familienzentrum mit der tollen Krabbelgruppe, das Kantonsspital mit dem Baby-Schwimmen-Angebot und die vielen Cafés mit Spielmöglichkeiten für Kleinkinder.

Mich faszinieren Städte – keine Frage. Das Leben pulsiert. Die Nacht wird zum Tag. Und der Drang nach Entertainment wird rund um die Uhr befriedigt. Und doch frage ich mich in letzter Zeit immer öfter: Will ich hier bleiben? Will ich meine Kinder hier in den Kindsgi und die Schule schicken? Ich frage mich, ob mir ein Bullerbü-Dorfleben nicht lieber wäre. 

Und ganz ehrlich: Bullerbü fände ich schön. Für unser Kind und für uns Eltern. Umgeben von einer Ruhe, die wirklich beruhigt. Fernab von all den Menschen, die immer noch nächtelang ausgehen, um festzustellen, dass sie mittlerweile eine Woche brauchen, um sich davon zu erholen. Fernab von der Hektik einer Stadt und dem ganzen Verkehr. Und fernab von der Idee, dass «Dörfler» rückständig sind. Denn inzwischen musste auch ich feststellen: Es braucht eben nicht 300 gute Italiener. Ein gutes Restaurant reicht allemal.

Ich kann es mir zurzeit gut vorstellen. Ein Haus in einem Dorf, das nicht mit unzähligen Verführungen und Alternativen lockt. Umgeben von Bauernhöfen und weiten Feldern, auf denen Kinder rumrennen können. Wo man zum Spazieren lediglich vor die Türe treten muss. Wo man im eigenen Garten Gurken und Zucchetti anbauen kann. Wo Felder, Bäche und Wiesen Kinder zu Abenteuern einladen. Und wo Gummistiefel nicht als modisches Accessoire benutzt werden, sondern wofür sie erfunden wurden: um in grosse Pfützen zu springen.

Vielleicht habe ich noch nicht den richtigen Ansatz gefunden. Aber ich bin überzeugt: Wir finden ihn. Den richtigen Ort für uns als Familie.

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