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Vorbilder braucht das Kind

Uhr
Oliver
Fischer

Beginnt das Chaos jeden Tag von vorn, sagen wir: Herzlich Willkommen im Familienleben. Unser Alltag reiht verrückte, bunte, profane und ab und zu unfassbar perfekte Momente aneinander. Das Leben als Mama oder Papa ist eine aufregende Reise, auf die wir Euch nun mitnehmen. Ganz nach dem Motto: Unser Alltag ist ihre Kindheit.

Das Kind steuert in grossen Schritten Richtung 5. Geburtstag und inzwischen haben wir – sehr zu meiner Freude – in Sachen Geschichten vorlesen ein Level erreicht, das uns beiden richtig Spass macht. Ihr erinnert Euch vielleicht: Im September hatten wir einen Anlauf genommen und mit dem «Kleinen Gespenst» erste Erfolge gefeiert. Im Dezember haben wir uns zwei Teile «Pippi Langstrumpf» einverleibt und aktuell befassen wir uns mit «Die lustigen Abenteuer vom Rösslein Hü»  wobei diese Abenteuer stellenweise alles andere als lustig, sondern ziemlich gfürchig und oft geradezu herzzerreissend sind. Wir haben schon mal alle Kapitel durchgeblättert und sichergestellt, dass dann am Ende auch alles gut rauskommt für das tapfere «».

Die Geschichten vom «Hü» werden aber bald einmal zu Ende erzählt sein und ich bin wieder auf der Suche nach den nächsten Geschichten. Also krame ich auch in Erinnerungen: Was hat meine Mutter uns früher erzählt? Was habe ich selbst gelesen? Welche Geschichten haben mich gepackt, mit welchen Figuren habe ich mitgefiebert? Welche Erzählungen und welche Heldinnen sollen meine Tochter inspirieren, können ihr vielleicht einmal als Vorbilder dienen?

Da ist Ronja die Räubertochter, die nicht in die Fussstapfen ihres Vaters treten, sondern ihren eigenen Weg gehen will – und sich dabei gleich noch mit dem «Feind» zusammen tut. Da hatten wir schon die starke, unabhängige Pippi Langstrumpf, die sich die Welt so macht wie sie ihr gefällt, und nicht so akzeptiert wie sie ihr vorgesetzt wird. Da ist Momo, dieses Mädchen mit der unerschöpflichen Fantasie, das sich allein und unerschrocken gegen eine scheinbare Übermacht der grauen Masse stellt, um ihre Freunde zu retten. Oder da ist die rote Zora, die Freiheit liebende Anführerin einer wilden Jugendbande.

Auf der Suche nach Heldinnen der neueren Kinder- und Jugendliteratur habe ich mich durch einige Blogs gelesen. Das hat mich aber etwas konsterniert zurückgelassen. Denn da wurden auf meiner Suche nach weiblichen Identifikationsfiguren zunächst mal ziemlich oft die oben erwähnten Geschichten zerpflückt. Fast einhelliger Tenor: Ausser der einen zentralen Mädchenfigur, seien alle anderen Protagonistinnen klischiert, schwach, zu stereotyp. 

Wenn man sich das genau anschaut, dann kann man das sogar nachvollziehen. Aber macht das diese Mädchen deswegen weniger glaubhaft, weniger inspirierend? Oft wurde beklagt, dass es – auch heute – kaum Geschichten gebe, in denen das Geschlechterverhältnis ausgeglichen sei, die ethnisch divers seien oder über die Geschlechter männlich und weiblich hinaus gingen.

Ich frage mich, ob das alles in einem Kinderbuch vorhanden sein muss, um für meine Tochter geeignet zu sein. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass Diversität, LGTBQ+-Themen, Gleichberechtigung und so weiter auch mit Kindern schon besprochen, oder besser noch vorgelebt werden können. Aber Kinder- und Jugendliteratur, die all das nicht ausreichend (inwiefern?) abbildet, deswegen als nicht zeitgemäss, veraltet oder sogar ungeeignet zu deklarieren, finde ich dann doch ziemlich übertrieben und irgendwie künstlich. Schliesslich ist kein Vorbild perfekt, und auch Jungs können Vorbilder für Mädchen sein, und umgekehrt. So war es bei mir und Ronja, Zora und Momo.

Auf meiner Suche nach neuen Geschichten ist als verspätetes Weihnachtsgeschenk zufällig Abhilfe eingetroffen. Der Götti hat meiner Tochter «Good night stories for rebel girls» geschenkt. Darin werden 100 Mädchen und Frauen porträtiert, die nicht nur meine Tochter, sondern auch mich faszinieren und inspirieren und die wir uns zum Vorbild nehmen können. Und alle sind ganz real.

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