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Achtung: Tornado-Gefahr

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AURELIE LUYLIER
Kristina
Schmid

Beginnt das Chaos jeden Tag von vorn, sagen wir: Herzlich Willkommen im Familienleben. Unser Alltag reiht verrückte, bunte, profane und ab und zu unfassbar perfekte Momente aneinander. Das Leben als Mama oder Papa ist eine aufregende Reise, auf die wir Euch nun mitnehmen. Ganz nach dem Motto: Unser Alltag ist ihre Kindheit.

Wutanfälle bei Kleinkindern sind wie Erdbeben. Sie können kurz und relativ schmerzlos sein. Sie können aber auch lang und destruktiv sein. Tatsache ist: Wutanfälle gibts. Und sie sind Scheisse. Anders kann ich das leider nicht ausdrücken. 

Wir haben sie alle schon einmal erlebt. Beim Regal mit den Süssigkeiten in der Migros, vor einem Café oder einem Glacéstand, im Lieblingsrestaurant. Wir haben alle schon einmal der hilflosen Mutter verstohlen dabei zugesehen, wie sie ein rotgesichtiges Wesen, das wie am Spiess schreit, mit den Armen um sich wirft und den Füssen tritt, erschöpft zu beruhigen versucht. Und wir haben alle schon einmal gedacht, dass uns das nie passieren wird. Dass unser Kind die Grenzen kennen wird. Dass ich nicht lache. 

Ein Kleinkind nimmt bei seinem Wutanfall nämlich absolut keine Rücksicht darauf, wo Du Dich gerade befindest. Oder darauf, wie spät es ist. Oder darauf, wie es Dir geht. Ein Wutanfall schlägt ohne Vorwarnung und ohne Gnade zu. Und absolut gar nichts an einem Wutanfall ist praktisch. Wird Dir dann erstmal bewusst, dass soeben ein Sturm aufzieht, kannst Du nur noch den Atem anhalten und beten, dass es kein Tornado wird.

Mein bald zwei Jahre alter Sohn hat vor einigen Wochen die Wutanfälle für sich entdeckt. Und seither übt er sich immer öfter darin. Es gibt keine «Guetsli» vor dem Mittagessen? Wutanfall. Er muss baden? Wutanfall. Er darf wieder aus der Badewanne raus? Wutanfall. Er darf Opas Whiskey nicht trinken? Wutanfall. Er darf nicht Auto fahren? Wutanfall. 

Leider gibt keine narrensichere Methode, um einen Wutanfall beim Kleinkind sofort in den Griff zu kriegen. Manchmal hilft es, wenn ich ihn ablenke. Manchmal, wenn er zwischen zwei Sachen eine auswählen kann. Also mitentscheiden kann. Manchmal hilft ihm ein Teddy, mit dem er kuscheln kann. Und manchmal hilft eine Umarmung von Mama. Niemals hilft es, wenn ich auf ihn einrede. Eigentlich, wenn ich überhaupt rede. Es hilft nur, wenn ich Ruhe bewahre, obschon auch ich viel zu oft die Geduld verliere. Und ganz selten, da kann ich gar nichts tun, ausser zu versuchen, auf der Welle der Frustration zu reiten.

Leider gibt es nicht diesen einen richtigen Weg, um mit dem Zorn eines Kleinkindes umzugehen. Denn die Wutanfälle haben sie nicht ohne Grund. Sie befinden sich in jener Phase ihres Lebens, in der sie die grosse, weite Welt kennenlernen. In der sie plötzlich so viele neue Gefühle fühlen, ohne sie einordnen zu können. In der sie so viel denken, ohne es so richtig zu verstehen. In der sie erst lernen müssen, mit all dem umzugehen.

Und genau deshalb gibt es Momente, in denen sie untröstlich sind und Mama nichts tun kann. Es gibt Momente, und das mag jetzt vielleicht verrückt klingen, aber da wollen sie, dass wir reagieren, damit sie noch mehr «täubala» können. Und just in dem Moment, muss man sie manchmal halt einfach stehen lassen. Es macht keinen Sinn, darüber zu diskutieren, weshalb man ihm die Bohrmaschine im Bauhaus nicht reichen wird. Es macht auch keinen Sinn, auf ihn einzureden, wenn er sich dann Mitten im Gang hinlegt und laut zu schreien beginnt. Weglaufen. Das macht Sinn. Nicht gleich zum Parkplatz. Aber weit genug, dass man ihn zwar noch sehen, aber nicht mit ihm verhandeln kann. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass er irgendwelche Fremden sehen wird und Dich deshalb suchen kommt. Und wenn einer dieser Käufer Dich deshalb verurteilen sollte: Keine Sorgen. Karma wird es richten.

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Ein Blizzard, kalter Winter oder Sommergewitter mit grosstropfigem Wolkenbruch samt Duft (erlebte ich seit meiner Kindheit leider nicht mehr; irgendwie scheinen wir in Richtung antidiverses Monowüstenleben abzurutschen) finde ich essenzielle Funktion – auch wenn manche Leute es nur als lästig empfinden, ebenso dürfte es beim hier beschriebenen "Tornado" sein.
Ich denke, die frühkindliche Trotzphase muss eine zentrale Rolle punkto lebenslange Selbstbehauptung, Salutogenese spielen (Unterscheidung Ich und Aussenwelt bzw. Hypothese: Liebe/Hass als Gegensätze nicht an entgegengesetzten Orten im Gehirn zu sein scheinen sondern praktisch an demselben bzw. und und) und gibt es in anderer Form auch später noch, in gesunder und in ungesunder Form möglich.
Wovor man aber auf der Hut sein muss, ist die teilweise "verrückte" Psychologie, die Widernatürliches bzw. Krankmachendes propagiert, wie ich finde, Beispiele:
1) Offenbar insbesondere Trotzphasen betreffend gibt es die "Festhalte-Therapie" (über die "A. Vogels Gesundheitsnachrichten" in Heft 11/1998 – Dr. h.c. Alfred Vogel, berühmt in der Schweiz – einen vierseitigen Bericht/Interview brachten), die ich extremzerstörerisch finde (quasi eine Atombombe für die Seele), https://de.wikipedia.org/wiki/Festhaltetherapie
2) Ein Dogma, das sich leider hartnäckig hält: Man solle gegenüber Traumatisierten Indifferenz demonstrieren. Das finde ich pervers – nichtempathisch, unsolidarisch, kalt sowieso. Beispiel 2.1: Wenn ein Hund beim Feuerwerk Panik/Furcht empfindet, solle man so tun als sei nichts. Da muss einen der Hund doch für verrückt bzw. nichtvertrauenswürdig halten, oder?
Beispiel 2.2: Meine Freundin wurde als kleines Kind im Kindergarten (es war wohl in der Eintrittsphase und sie sagte mir, sie habe sich dort deplaziert gefühlt bei den kindlichen Kindern, sinngemäss, sie habe mit Erwachsenen reifer sprechen können; meine Bemerkung: sie ist hochbegabt) von einer Mit-Kindergärtlerin in die Brennnesseln geworfen, die Kindergärtnerin intervenierte nicht, wie das leider oft bei Mobbing der Fall ist (was mich umso mehr empört angesichts Kindergartenpflicht, wie es heutzutage gilt, wo der Zwang erst recht nicht mit Geplagtwerden verbunden sein darf, Nichtflüchtendürfen). Daraufhin ging am nächsten Tag der Grossvater des kleinen zerbrechlichen Mädchens (das keinen Vater hatte und seit sie auf der Welt ist litt) mit ihr in den Kindergarten und sagte der Kindergärtnerin, dass das Mädchen deshalb nun nicht mehr in den Kindergarten gehe. Worauf das Mädchen auf dem Heimweg hüpfte vor Erleichterung und Freude und ich würde sagen vor allem vor Bewunderung für dieses Denkmal der Zivilcourage. Für mich sind solche Erlebnisse die wertvollsten, prägendsten, existenziellsten in einem Menschenleben.
Hingegen das Dogma heutiger Lemminge-Psychologie scheint das genaue Gegenteil zu predigen bei den Beispielen 1 und 2. Das erinnert mich an eine Psychologiepraktikantin, die mir erklärte, an Stress könne man nicht sterben, und als ich ihr sagte, ich habe Belege (publizierte Artikel und Bücher), antwortete sie nicht etwa „Superinteressant, das muss ich sehen“ sondern: interessiert mich nicht, ich habe es so an der Uni Zürich gelernt. Mein Fazit: Die einen Berufsleute haben Talent/Herz, die andere bekommen ihr Diplom via tumbes Auswendiglernen.