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«Wir wollen Regierungsverantwortung»

Mit Marc Ziltener kommt der politische Ziehsohn seines Vorgängers Peter Rothlin an die Spitze der Glarner SVP. Dessen Stil will Ziltener weiterpflegen.

Südostschweiz
Sonntag, 29. April 2012, 02:00 Uhr

Mit Marc Ziltener sprach Michael Schüepp

Herr Ziltener, Sie sind gerade einmal 31 Jahre alt, haben weder in einer Exekutive noch in einer Legislative Erfahrung gesammelt. Weshalb sind Sie trotzdem der richtige Mann an der Spitze der SVP?

Marc Ziltener: Es gibt verschiedene Sachen, die man in der Politik machen kann. Nebst einem Amt als Land- oder Regierungsrat etwa gibt es eben auch die Parteipolitik. Ich habe als Präsident der SVP Glarus Nord Erfahrungen gesammelt. Ich übernahm die frisch gegründete Sektion quasi aus dem Nichts und war mehr oder weniger erfolgreich. Parteipolitik ist das, was ich kann und auch künftig machen werde. Legislativ-Erfahrung werde ich sicherlich auch noch machen können – sollte ich gewählt werden.

Dennoch: Im Vergleich zu anderen Kantonalparteien sind Sie als Präsident sehr jung. Da kommt der Verdacht auf, dass der Partei nach der Abspaltung der BDP die erfahrenen Köpfe fehlen.

Das ist nicht so. Wir haben bewusst darauf geachtet, dass nun ein Junger nachrückt. Uns wird stets vorgeworfen, dass in der SVP nur alte Hasen dabei sind. Meine Wahl zeigt, dass ich in der Vergangenheit, etwa als Parteisekretär, Leistung gezeigt habe. Das Alter spielt keine Rolle in einem politischen Amt. Man kann auch alt sein und keine Erfahrung haben.

Ist es schwierig, sich als Jungspund in der Partei gegen eben diese alten Hasen durchzusetzen?

Im Kanton Glarus ist das nicht so schwierig. Ich muss mich gegen die Alten nicht durchsetzen, ich muss mit ihnen umgehen können. In der SVP ist das meist kein Problem. Schliesslich denken wir alle ungefähr gleich, folglich finden wir uns auch schneller.

Sie gelten als politischer Ziehsohn Peter Rothlins. Werden wir mit Ihnen im Amt eine jüngere Version Rothlins erleben oder pflegen Sie einen anderen Stil?

Peter Rothlins Stil war ein guter und erfolgreicher. Die Partei ist in den letzten zehn Jahren unter Rothlin gewachsen. Es gab Wahlerfolge, die es vorher nicht gegeben hat. Ich habe viel von ihm gelernt, er ist auch ein guter Freund von mir. Selbstverständlich werde ich versuchen, seine Politik so gut wie möglich weiterzuführen.

Schauen wir in die Zukunft. Sie übernehmen die Glarner SVP in einer Zeit, in der die Partei gleich mehrere kantonale Wahlen verloren hat. Verunsichert Sie das?

Von Verunsicherung kann man nicht sprechen. Ich weiss einfach, dass ich dafür Sorge tragen muss, dass uns das nicht passiert. Im Glarnerland ist es etwas anders als in anderen Kantonen, hier wählt man Köpfe. Die müssen gut sein – und das sind sie bei uns. Deshalb habe ich keine Angst, dass wir in Zukunft so massive Einbussen haben werden. Zum Glück gab es die Abspaltung der BDP bei uns schon vor der letzten Landratswahl. Ich werde darauf hinarbeiten, dass wir sogar noch Sitze zulegen können. Und natürlich wollen wir wieder Regierungsverantwortung übernehmen.

In den Parlamenten ist die SVP gut vertreten. Bei den Exekutiven hapert es aber. Kann das der Anspruch der Partei sein?

Das ist ein Phänomen, das in der ganzen Schweiz zu beobachten ist. Das ist halt so, wenn man starke Positionen bezieht und ab und zu mit Nachdruck ehrlich ist. Aber: Mit This Jenny stellen wir einen Ständerat. Wenn wir Leute wie ihn bringen, werden wir keine Schwierigkeiten haben, etwa einen Regierungsrat stellen zu können.

«Ich kann unbelastet an die Sache gehen»

Offenbar hat man Personen dieses Kalibers im Moment aber gar nicht in der Partei?

Doch, natürlich. Nehmen wir zum Beispiel Kaspar Krieg. Er wird bald Landratspräsident. Er wäre problemlos majorzfähig. Daneben gibt es viele weitere Personen, die aber leider nicht wollen. Wir können niemanden zwingen. Zudem bauen wir junge Leute auf. Aber das braucht seine Zeit. Wir werden den verlorenen Sitz im Regierungsrat früher oder später zurückerobern.

Wie erklären Sie sich, dass der Wille, für das Regierungsratsamt zu kandidieren, bei vielen SVP-Politikern nicht vorhanden ist?

Viele bei uns sind mit dem Beruf sehr beschäftigt und in der Familie stark eingebunden. Das Regierungsamt ist kein Zuckerschlecken. Man wird von links bis rechts angegriffen und muss eine dicke Haut haben. Viel Zeit für die Familie bleibt nicht. In der SVP spielt die Familie aber eine wichtige Rolle im konservativen Sinn.

Wird die SVP unter Ihnen stärker auf die anderen Parteien zugehen?

Es braucht auch ein Rücken der anderen Parteien. Es kann nicht sein, dass diese uns immer dazu auffordern, anständig und respektvoll zu sein, und sie selber sind es dann nicht. Ich habe grundsätzlich aber schon vor, mit den anderen bürgerlichen Parteien zusammenzuarbeiten. Ich kann unbelastet an die Sache gehen, weil ich noch nie von anderen Parteien hintergangen worden bin.

Welche Themen stehen bei Ihnen zuoberst auf der Prioritätenliste?

Ein sehr wichtiges Thema ist die Situation der Lehrabgänger. Sie haben enorme Probleme, eine Stelle zu finden, die ordentlich bezahlt wird – auch im Glarnerland. Oft holen Firmen lieber Arbeitskräfte aus dem Ausland, weil sie billiger sind. Ein Anliegen ist mir zudem, die Abwanderung in Glarus Süd zu stoppen. Ein Mittel dazu wäre, die Steuern so weit zu senken, dass es sich etwa für jemanden wie mich lohnt, dorthin zu ziehen. Im Moment tut es das aber nicht, die Steuern in Glarus Nord und Süd sind gleich hoch.

Oder man baut die Umfahrung?

Das ist ein schwieriges Thema. Sie können This Jenny fragen: Die Chance, dass der Bund die Umfahrung bis nach Glarus Süd in absehbarer Zeit bezahlt, ist gleich null. Und wenn wir die Strasse wirklich bauen wollen, kostet das viel Steuergeld – und das müssen die Leute wissen. Die Strasse ist wünschenswert, aber eben, kaum realisierbar. Deshalb könnten tiefere Steuern einen Ausgleich zum längeren Weg bis zur Autobahn schaffen.

Die Glarner Gemeinden sind finanziell nicht auf Rosen gebettet. Sollte der Kanton diese unterstützen?

Wenn die Gemeinden Misswirtschaft betrieben hätten, dürfte sie der Kanton nicht mit finanziellen Mitteln unterstützen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass alle drei Gemeinden schlecht gearbeitet haben. Ich stehe einer Umverteilung von Kanton zu Gemeinden positiv gegenüber. Man muss sich damit tiefer befassen. Die Gemeinden müssen aber noch mehr sparen – erst recht, wenn der Kanton Geld geben würde. Sparpotenzial sehe ich etwa bei den Kaderlöhnen in Glarus Nord. Oder allgemein bei der Ausgabepolitik: Man kann anstatt dem Rolls Royce auch mal einen Fiat kaufen.

«Es gibt Themen, da bin ich nicht auf Parteilinie»

Sie waren im Vorfeld der Fusions-Abstimmung als Kritiker hervorgetreten. Sehen Sie den Entscheid heute mit anderen Augen?

Diese Frage ist zur Zeit irrelevant. Es ist, wie es ist. Wir müssen nun mitgestalten und den Fokus auf die Zukunft richten. Die SVP hat die Aufgabe, für ihre Wähler, die zum grossen Teil fusionskritisch waren, den Fuss in der Türe zu halten. Missstände müssen gnadenlos aufgedeckt und gegebenenfalls bekämpft werden.

An der Delegiertenversammlung der nationalen SVP sorgten Sie vor zwei Jahren mit einem Heiratsantrag für eine Überraschung. Dürfen wir solche von Ihnen auch in der Politik erwarten?

Das kann ich Ihnen jetzt natürlich noch nicht sagen. Die Überraschung damals habe ich mir länger überlegt. Ich wusste, dass meine Frau Aufmerksamkeit mag. Ich hab dann Toni Brunner gefragt, und er war sofort begeistert. Deshalb konnte ich das auch machen. Sie hatte Freude daran. In der Politik hängt es immer von den Umständen ab. Damals erforderte ein besonderer Umstand besondere Massnahmen (lacht). Es gibt durchaus Themen, bei denen ich nicht auf der Parteilinie bin. Etwa beim Mindestlohn. Das ist ein guter Denkansatz, den ich grundsätzlich positiv beurteile. Wer 100 Prozent arbeitet, muss anständig entlöhnt werden.

…ist 31 Jahre alt und wohnt in Mollis. Er ist verheiratet und arbeitet auf der AHV-Zweigstelle und dem Einwohneramt der Gemeinde Glarus. Seine Lehre absolvierte Ziltener zunächst als Maurer, liess sich dann aber noch zum Technischen Kaufmann mit eidgenössischem Fachausweis ausbilden. Seine politische Karriere begann in der Jungen SVP, in der er als Parteisekretär amtete. Die gleiche Position hatte Ziltener dann auch in der Mutterpartei inne. Zusätzlich war der Molliser Präsident der SVP-Sektion Glarus Nord. Seit dem 17. April ist Ziltener Präsident der Glarner SVP. (mic)

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