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Der Gleichberechtigungsgedanke gewinnt an Kühnheit

Der Gleichberechtigungsgedanke gewinnt an Kühnheit

Seit einer Woche läuft das Davos Festival unter dem Motto «Aequalis».

Davoser
Zeitung
13.08.21 - 14:57 Uhr
Aus dem Leben
Die polnische Perkussionistin Marianna Bednarska lotet die ganze Bandbreite des Marimbaphons im Konzert am Sonntag aus.
Davos Festival/© Yannick Andrea

Am Freitagabend verleiht der Zürcher Schauspieler Morris Weckherlin, dieses Jahr erstmals am Festival dabei, der Sehnsucht nach der Freiheit über den Wolken Ausdruck. Mit gleich zwei Werken der eher unbekannten Komponistin Emily Doolittles gilt es wieder einiges am Abendkonzert mit dem Titel «Migration der Vögel» zu entdecken. Die Kanadierin Doolittles lebt in Schottland und komponiert zoomusikologisch, wie sie selbst sagt – in diesem Fall den Gesang der Zugvögel. Ihr Werk «Woodwing» für Holzbläserquintett thematisiert hingegen den Flug von Vögeln. Olivier Messiaens «Petites esquisses d’oiseax», interpretiert von der Pianistin Alice Burla, dürfen in diesem Vogelkonzert nicht fehlen. Und die Pulitzer-Preis-gekrönte Komponistin Caroline Shaw hat ein vielfach geschichtetes Werk für Chor und Streicher geschrieben, auf das man gespannt sein darf. Das Schweizer Vokalconsort und die Davos Festival Camerata interpretieren es unter der Leitung von Holly Hyun Choe. (13. August um 20.30 Uhr im Hotel Schweizerhof)

Requiem auf das Patriarchat!

Am Samstagvormittag wird ein Requiem auf das Patriarchat gesungen. «Es lebt leider immer noch», bedauert Festivalintendant Marco Amherd. «Doch wenn es einmal gestorben ist, werden es wahrscheinlich die wenigsten vermissen. Denn Emanzipation soll nicht nur bisher diskriminierten Menschen helfen, sondern für die ganze Gesellschaft positive Energie freisetzen.» Das Programm beginnt mit einem gregorianischen Choral, einer Gesangskunst, die vor allem von Männern praktiziert bekannt ist. «Doch auch in Frauenklöstern wurde musiziert. Hildegard von Bingen hat beispielsweise wunderbare einstimmige Werke hinterlassen, die damals auch von ihr gesungen wurden. Motive aus gregorianischen Chorälen wurden in vielen klassischen Werken als thematisches Material verwendet und haben so stets ihre Kleider getauscht. Daher scheint es mir auch legitim, die ursprünglichen Choräle mit gemischten Stimmen zu singen. Vielleicht im ersten Moment ungewohnt, doch dann unerwartet schwebend.» (14. August, 11 Uhr, neuer Konzertort: Paulus­kirche)

So klingt die Welt

Am Samstagabend geht es im Barockkonzert in der Kirche St. Johann, dem Ruf des spanischen Dichters Pedro Calderón de la Barca von 1655 zu folgen: «So kommt, Sterbliche, herbei, um euch einzeln auszuputzen; auf dem grossen Welttheater zeige jeder seine Kunst nun!» schreibt er in seinem Mysterienspiel «El Gran teatro del Mundo». Was nun, wenn nicht nur auf der Bühne und im Schauspiel die existenziellen menschlichen Zustände mit Worten gezeigt würden, sondern in Konzerten, mithilfe der vielgestaltigen Affekte der Musik? Das gleichnamige junge Barockensemble aus Basel untersucht genau das. Marco Amherd hat bereits in früheren Projekten mit einigen Musikerinnen und Musikern aus dem Ensemble El Gran Teatro del Mundo zusammengearbeitet. «Ich war stets begeistert von ihrem enormen Wissen und der grossen Spielfreude, da es «komponierte» Programme entwickelt, welche sehr singulär sind und jeweils eine Geschichte erzählen, genau was ich am Davos Festival auch versuche.» Diesmal führt der rote Faden zwischen den bekannten Kom­ponisten Arcangelo Corelli und Georg Friedrich Händel über den musikalischen Kosmopoliten Georg Muffat, der Gebrauchsmusik mit verschiedenen europäischen Stilelementen schrieb – in freier Besetzung spielbar, «A pocchi, ò a molti stromenti», für viele oder wenige Instrumente. «Muffat schrieb sowohl Musik im italienischen wie auch französischen Stil, was damals eine Seltenheit darstellte. Er hat daher den Musikgeschmack seiner Zeit entscheidend mitgeprägt. Muffat hat damit früh Grenzen überwunden und den (musikalischen) europäischen Transit ermöglicht.» (14. August, 20.30 Uhr, Kirche St. Johann. Im «French Late Night» Konzert um 22 Uhr im Raumdesign Escher klingt der reich gefüllte Festivaltag aus.

Jeder klingt für sich

Die Welt ist allverbunden, der Mensch möchte sich emanzipieren – vielleicht auch jeden Ton unserer abendländischen Tonleitern? Was, wenn der Bezug zur Tonika gänzlich aufgelöst würde und etwa die Septime gleichberechtigt oft in jeder Komposition auftauchen müsste? Der Sonntag bietet zwei Konzerte: «Frau Bach im Museum» geht mit solistischen Werken für Oboe, Fagott und Cembalo in die zweite Runde (15. August, 11 Uhr, Kirchner Museum Davos). Im Abendkonzert ist nicht nur Musik des berühmten Zwölftöners Arnold Schönberg zu erleben, sondern auch nach ihm tonale Utopien in Klang fassender Komponisten wie Ernst Krenek und Georges Aperghis. Oder das entdeckenswerte Concerto für Marimbaphon von Emmanuel Séjourné, interpretiert von der polnischen Perkussionistin Marianna Bednarska und der festivaleigenen Camerata unter der Leitung von Ustina Dubitsky. (15. August, 17 Uhr, Hotel Schweizerhof, Einführung zum Konzert um 16 Uhr)

Hörfunkjournalistin und Medientrainerin Julia Kaiser berichtet in diesem Jahr.

 

Das Festival dauert bis 21. August. Alle Infos, Tickets, das ganze Programm unter www.davosfestival.ch.

 

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