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Heimat erkundet, Fremdes entdeckt

Heimat erkundet, Fremdes entdeckt

Ein Spaziergang unter kundiger Führung eröffnet viel Fremdes in der doch so vertrauten Heimat.

Davoser
Zeitung
30.08.21 - 06:32 Uhr
Aus dem Leben
Orchestrierter Durchblick: Das Englische Viertel zeugt bis heute von meisterhafter Stadtplanung. 
zVg/Hannes Frigg

Weit offenstehende Türenbegrüssten letzten Samstagdie 25 Teilnehmer des Forum Bau+Kultur bei der Englischen Kirche. Trotzdem waren die meisten der teilnehmenden Davoser das erste Mal da drinnen. Im Gegensatz zu den Bündner Gotteshäuser ist die Architektur hier «very british» 

Heute wird die Kirche von der freien evangelischen Gemeinde belebt, früher war sie der Mittelpunkt des Lebens (aber auch Sterbens) der englischen Zuwanderer und Gäste. Auch das «Schwyzerhüsli» vis à vis ist ursprünglich ein englisches Haus: das schweizerische Honorarkonsulat der britischen Krone. Architekt Gaudenz Issler gab ihm sein «schweizerisches» Aussehen, der sogenannte «Schwyzerhüsli»-Stil war gerade stark en vogue. Doch das wilde Sammelsurium von dekorativen Bauteilen aus dem Musterbuch der schweizerischen Bautypen, wirkt mehr exotisch als vertraut.

Werbetexter für Davos und die freie Liebe

Vorbei an der Hochburg der wichtigsten zeitgenössischen Davoser Gäste, der im neuen Lärchenkleid versteckten Betonfestung des World Economic Forum, ging es weiter zum stolzen Haus am Hof an der Symondsstrasse. 1881 für Kunsthistoriker und Autor John Addington Symonds erbaut. Tuberkulosekrank kam er nach Davos und blieb. Es steht da in alter Pracht. Die hölzerne Liegehalle mit Spitztürmchen zur Freude aller ebenfalls. Seine Berichte «Winter in Davos» und «Our Life in the Swiss Highlands» lockten das «Who‘s who» der englischen Kulturelite in die kalte Winterwelt. Symonds Idee, mit dem Schlitten nach Klosters hinunterzudonnern und Eisbahnen für internationale Bobrennen zu bauen, läutete den Wandel vom Kur- zum Sportort ein. Mit spitzer Feder kommentierte er auch das Zeitgeschehen: «Als ich den Ort kennen lernte, war er ein kleines Dorf, ausgestattet mit einigen Hotels zur Aufnahme von fremden Gästen. Das Leben war anfänglich einfach, die Luft ganz rein, die Häuser weit voneinander und von massiger Höhe. Seither sind die Häuser wie Pilze aus dem Boden geschossen, und die sanitären Verhältnisse haben sich in besorgniserregender Weise verschlechtert. Der einzige Weg, zu verhindern, dass Davos in einen schlecht dränierten, überfüllten, mit Gas beleuchteten Sammelplatz einer kosmopolitischen Krankheit verwandelt wird, besteht darin, einen neuen, gleichartigen Kurort zu gründen.» Das rüttelte die Davoser wach: Das Landwasser wurde begradigt, eine Kanalisation gebaut, das Gaswerk ins Laret verdammt, und Strom sorgte schon bald für Licht. Hinter Symonds Haus entstand in der Folge ein wohl weltweit einzigartiges Stadt-/Sanatoriumsviertel nach strengsten Bau- und Wohnhygiene-Vorschriften. Aussergewöhnlich weit voneinander stehen die Häuser am Quartiersträsschen noch heute. Die Schatten der flachen Wintersonne sollten die Liegebalkone der dahinter liegenden Sanatorien keinesfalls treffen. Da die Kurhäuser versetzt hintereinander aufgereiht wurden, hatten alle die beste Aussicht über den Platzer Kirchturm bis hin zum Tinzenhorn. Bekannt ist Symonds heute jedoch nicht als Ideengeber der Stadtentwicklung und weniger für seinen sportlichen Pioniergeist, sondern vielmehr für seine sexuellen Präferenzen und das erste englischsprachige Fachbuch über Homosexualität.

 

Alex Schaub erklärt den Gedenkstein zur christlich/jüdischen Versöhnung.
zVg/Christoph Wehrli

Versöhnliches auf der Richtstatt 

Der Spaziergang führte weiter am jüdischen Sanatorium Etania vorbei, hinauf zur Hohen Promenade, wo Alex Schaub, Kirchgemeindepräsident von Serneus, die von ihm errichtete geheimnisvolle Gedenkstätte in anschaulichen Worten erklärte. Aus einem wuchtigen, gerundeten Prättigauerstein entstand ein Denkstein zur christlich/jüdischen Versöhnung mit Zeichen, die als die sieben Augen Gottes gedeutet werden können. Hier oben wird einem auch in Erinnerung gerufen, dass vor den Walsern in Davos romanisch gesprochen wurde. «Bun Di, Bun An» grüsst eine freihändig eingekratzte Inschrift vom Haus Scarlett Sura, das so wuchtig an der Hohen Promenade klotzt. Die Engadiner Sgraffittotradition hat hier durch Mazina Schmidlin-Könz eine künstlerische Erneuerung erfahren. Es scheint fast, als ob die Fassade die düsteren Kapitel widerspiegelt, als auf der dahinter liegenden Richtstatt der Davoser Scharfrichter seine Urteile vollstreckte. 

Dem Tod geweiht war auch mancher schwerkranke TB-Patient. Dass Katia Manns Kuraufenthalt im Waldsanatorium ganz anders verlief, diente als Steilvorlage für den Weltliteratur-Roman ihres Ehegatten. Viele Jahrzehnte später schickte Katja Mann ihr Röntgenbild an den Davoser Lungenarzt Dr. Christian Virchov. Tuberkulose ist darauf keine zu erkennen – die Fehldiagnose gehörte zum Davoser Geschäftsmodell. Kein Wunder, hatte man in Davos keine Freude an Manns Enthüllungsbuch. Nur einen Steinwurf vom «Zauberberg» entfernt liegt die «Schatzinsel». Symonds Freund Robert Louis Stevenson verhalf der Aufenthalt in der Villa am Stein, eine Schreibblockade zu überwinden und seinen weltbekannten Abenteuerroman im Nu zu vollenden.

Gaberels Freimaurerloge, ein architektonisches Gesamtkunstwerk im Bündnerstil.
zVg Hannes Frigg

Überbleibsel eines kosmopolitischen Stadtquartiers

Davon, wie beflügelnd die Aussicht über Davos ist, überzeugten sich die Spaziergänger auf der Liegeterrasse des Waldschlösslis. Paul Klöckler erzählt von Lucius Burckhardt, dem Sohn des Gründers und Chefarztes dieser ehemaligen Kinderklinik, der in einem Buch der Frage nachgeht «Warum ist Landschaft schön?» Architekt Jürg Grassl erklärte die revolutionäre Raffinesse von Rudolf Gaberels Balkonvorbauten. Gleich darunter zeugt die Freimaurerloge Humanitas davon, dass Gaberel erst im Bündner-Heimatstil baute, bevor er als radikal moderner Architekt internationale Beachtung fand. Das flache Haus daneben verbirgt ein weiteres Gaberel-Geheimnis: Er verwandelte die Überbleibsel einer nach der russischen Revolution unvollendet gebliebenen russisch-orthodoxen Kirche zum Wohnhaus Amitié. Im Garten des Hotels Ameron erinnert ein kümmerlicher Torpfosten als letztes Zeugnis von der ehemals grossen niederländischen Kolonie im Quartier. An die italienische Muratori, die die Stadt Davos bauten, erinnert das Haus von Baumeister Baratelli an der Promenade. Es versteckt seine italienische Grandezza hinter der schlichten Fassade und dem englischen Namen Somerset House. Das überraschend protzige Treppenhaus mit gemalter Trompe-l’oeil Marmormaserung und ornament-geschmückten Terrazzoböden bot einen krönenden Abschluss der Exkursion durch die vertraute, aber manchmal doch so fremde Heimat. (pd)

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