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«Uns würde helfen, wenn geimpft statt geklatscht würde»

«Uns würde helfen, wenn geimpft statt geklatscht würde»

Die Intensivbetten im Kantonsspital Graubünden in Chur sind wieder voll belegt. Adrian Wäckerlin, Chefarzt der Intensivmedizin, warnt: Es könne jeden Tag eng werden.

Pierina
Hassler
vor 1 Monat in
Aus dem Leben
«30 Prozent der Betten sind mit Covid-Patienten belegt»: Adrian Wäckerlin, Chefarzt der Intensivmedizin am Kantonsspital Graubünden, ist beunruhigt.
Bild Olivia Aebli-Item

Viele Infizierte erkranken so schwer an Covid-19, dass sie auf einer Intensivstation (IPS) behandelt werden müssen. Eine Überforderung des Gesundheitswesens muss unbedingt vermieden werden. Das ist am Kantonsspital Graubünden nicht anders als in anderen Krankenhäusern. Adrian Wäckerlin ist Chefarzt der Intensivmedizin am Kantonsspital. Im Interview mit der «Südostschweiz» spricht er über ungeimpfte Patientinnen und Patienten. Über Realitäten, die fernab der Vernunft liegen. Und über sogenannte Wahloperationen, die dringender sind, als es der Name hergibt. 

Herr Wäckerlin, wie sieht die Situation aktuell auf der Intensivstation des Kantonsspitals aus?

Adrian Wäckerlin: Die IPS ist seit Mittwoch voll. 

Was heisst das genau?

30 Prozent der Betten sind mit Covid-Patienten belegt. Durchschnittlich sind IPS-Betten aktuell zu 90 Prozent belegt. Es kann also jeden Tag eng werden.

Wenn Spitäler Wahloperationen auf später verschieben würden, wäre die durchschnittliche Belegung auf der IPS möglicherweise tiefer als 90 Prozent. Solche Aussagen hört man immer wieder. Schlicht dummes Geschwätz oder ist da was dran?

Der Begriff Wahleingriff suggeriert, dass man die freie Wahl hat, sich operieren zu lassen. Besser als der Begriff Wahleingriff ist die Unterteilung in dringliche und nicht dringliche Operationen. Die Diskussionen drehen sich dann gezwungenermassen darum, dass man nicht dringliche Operationen verschieben muss, weil die Kapazitäten nicht mehr ausreichen. Dringliche Operationen müssen durchgeführt werden; ebenso Notfalloperationen. Insbesondere Notfalloperationen sind natürlich zeitlich nicht planbar. Ebenso unplanbar ist in diesen Situationen oft, ob ein Patient danach auf der Intensivstation behandelt werden muss. Bis jetzt konnten wir uns intern organisieren – unterstützt durch andere Spitäler im Kanton Graubünden. 

Fühlen sich diese Patientinnen und Patienten so nicht ernst genommen?

Ja, das kann sein. Tumoroperationen beispielsweise macht man ja mit der Absicht, Menschen zu heilen. In der Zeit, in der wir nicht operieren können, macht der Tumor keine Pause. Schauen Sie: Das Spital läuft schon auf Hochtouren, der Regelbetrieb ist maximal ausgelastet. Wenn die ungeimpften Corona-Patientinnen und Corona-Patienten noch dazukommen, gibt das zusätzlichen Stress ins System, der für alle Betroffenen vermeidbar wäre.

Warum Stress?

Rund 90 Prozent unserer Covid-Patienten sind nicht geimpft. Das ist nicht nur hier so, sondern auf allen Intensivstationen in der Schweiz so. Das ist eine Realität.

«90 Prozent der Patienten sind nicht geimpft. Das ist die Realität.»

Adrian Wäckerlin, Chefarzt Intensivmedizin

Es gibt eine Impfung. Die Leute können sich mittlerweile einfach impfen lassen. Mit dem Bündner Impfbus sowieso. Machen die vielen Ungeimpften auf der IPS Sie und Ihr Team nicht hässig? Oder lassen zumindest die Köpfe schütteln?

Sagen wir es einmal so: Es gibt Verständnislosigkeit für das, was da passiert. Man muss sich schon fragen, wie man dazu kommt, eine Impfung abzulehnen, die ein Pandemieproblem lösen kann, das unser Gesundheitssystem nun zum wiederholten Mal an den Anschlag bringt. Das ist die Angebotsseite. Andererseits wissen wir, dass es ganz viele Länder auf der Welt gibt, wo die Impfungen noch so willkommen wären: Das ist die Bedarfsseite. Das macht uns verständnislos.

Was könnte der Grund sein, weshalb sich Leute trotz allem nicht impfen lassen?

Ich habe das Gefühl, dass der ungeimpfte Teil der Menschen hier bei uns genau weiss, dass er ein hervorragendes und auch leistungsfähiges Gesundheitssystem im Rücken hat. Sie leisten es sich, die Impfung abzulehnen, und denken: Wenn ich krank werde, verlasse ich mich auf dieses Gesundheitssystem. Wenn wir Zustände hätten, die annähernd so wie etwa in Indien wären – der Zugang zum Spital ist nicht für jeden gewährleistet, Angehörige schleppen Sauerstoff ins Spital, Menschen ersticken an der Spitalpforte –, würde es bei uns wohl auch anders aussehen. Auch viele impfkritische Menschen würden sich wahrscheinlich impfen lassen.

Aber trotz grossartigem Gesundheitssystem: Auch hier sterben Menschen an Covid-19 …

Das stimmt: Leider stirbt rund ein Drittel der Covid-Patienten auf der Intensivstation. 

«Wir haben anspruchsvolle, ermüdende und belastende eineinhalb Jahre hinter uns.»

Adrian Wäckerlin, Chefarzt Intensivmedizin am Kantonsspital Graubünden

Zu Beginn der Pandemie merkte das Volk plötzlich, dass das medizinische Fachpersonal viel arbeitete, Unglaubliches leistete. Es wurde beklatscht und gelobt – dennoch geht es weiter wie zuvor. Mit dem Unterschied, dass Ärzte und Pflegefachleute es jetzt mit einem grossen Teil ungeimpfter Patienten zu tun haben. Wie geht es Ihnen auf der Intensivstation? Müde?

Wir haben anspruchsvolle, ermüdende und belastende eineinhalb Jahre hinter uns. Wir können die aktuelle vierte Welle aber nicht mit den letzten Wellen vergleichen. Es hat sich einiges verändert, gerade auch, weil wir die Krankheit und die Verläufe besser kennen. Die Belastungen für uns sind aber weitgehend dieselben geblieben, mit der Ausnahme, dass wir es jetzt bedauerlicherweise mit vermeidbaren schweren Covid- Verläufen zu tun haben: Uns würde es helfen, wenn geimpft statt geklatscht würde.

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Allen Kranken und vor allem den schwer erkrankten wünsche ich gutes und schnelles Genesen. Den Pflegenden zuhause, auf den Stationen und speziell auf der IPS wünsche ich viel Energie in Ihrem Einsatz für die Erkrankten.
Laut der vom Kanton publizierten Fallzahlen kämpften am 3. September 4 Menschen mit Hilfe von künstlicher Beatmung gegen die Krankheit an. Gesamthaft kämpfen 534 erkrankte Menschen in Isolation gegen die Krankheit an.
Hoffen wir dass nicht mehr Menschen betroffen sind und werden, als es im April 2021 der Fall war.