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Warum wir manchmal mit den Wölfen heulen

Warum wir manchmal mit den Wölfen heulen

Immer diese Mitläuferinnen und Mitläufer! Die eigene Meinung bei Gegenwind zu ändern, gilt zwar oft als verpönt, hat aber auch so einige Vorteile.

Simone
Janz
20.09.21 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben
Symbolbild Pixabay

Der Wolf ist grad in aller Munde, also nutzen wir die Gunst der Stunde und schreiben über eine Redewendung, in der es darum geht, dass wir alle manchmal mit den Wölfen heulen. Richtig meta.

Das Wolfsgeheul, um das es hier im Weitesten Sinne geht, kann fürs menschliche Ohr traurig oder zumindest melancholisch wirken. So hat ein internationales Forschungsteam gemäss «Spiegel Online» herausgefunden, dass Wölfe heulen, wenn sich ein Mitglied aus dem Rudel verabschiedet oder wenn ein Partner stirbt. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass das Heulen der Wölfe ein Sympathiesignal ist, das gezielt zu einem sozialen Zweck eingesetzt wird. Es drückt Zugehörigkeit zu einem Rudel aus.

Wölfe heulen zum Beispiel, um sich zur Jagd zu versammeln oder um Kontakt zum anderen Geschlecht aufzunehmen. Sie haben sogar eine Art eigenen Heuldialekt, der sich nach Region und Gattung unterscheidet. Und, um zurück zur Redewendung zu kommen: Die Tiere hören die Rufe ihres Rudels aus bis zu 15 Kilometer Entfernung – und heulen mit. Das machen auch ihre direkten Nachfahren, die Hunde. Und im übertragenen Sinne auch wir Menschen.

Wer mit den Wölfen heult, ist ein Opportunist oder eine Opportunistin, ein Mitläufer oder sogar ein «Schleimer», wie die «Wirtschaftswoche» schreibt. Sie hat verschiedene Typen von Arbeitskollegen aufgelistet und attestiert dem «Schleimer», die Meinung zu wechseln, sobald der Gesprächspartner das tut und jedem Komplimente zu machen, der ihm nützlich sein könnte. Der Duden definiert ihn etwas neutraler als «Person, die sich aus Nützlichkeitserwägungen schnell und bedenkenlos der jeweils gegebenen Lage anpasst».

Klar ist: Opportunistinnen und Opportunisten haben nicht gerade den besten Ruf. Vor allem in der Politik ist es verpönt, opportunistisch zu sein. Denn dazu gehört auch, bei Entscheidungen die eigenen Prinzipien und Wertvorstellungen über Bord zu werfen, wenn sich die Gelegenheit bietet – und halt eben mit den Wölfen zu heulen, die am lautesten sind, um dazuzugehören. 

In der Wirtschaft gibt es sogar eine wissenschaftliche Theorie zu opportunistischem Verhalten. So versucht man sein Gegenüber von sich zu überzeugen, um es dann über den Tisch zu ziehen, sich also nicht an die Abmachungen zu halten. Eine Taktik, die Leonardo di Caprio als «Wolf of Wallstreet» auf der Leinwand bis zur Perfektion beherrschte. Auch hier gilt: Der kurzfristige Nutzen ist wichtiger als eine längerfristige Beziehung.

Wir müssen aber nicht mit dem Finger auf die bösen Börsenmakler zeigen. Wir, also unsere ganze Spezies, sind eine opportunistische Art. Wir haben im Laufe der Evolution gelernt, flexibel zu sein. Wir können mit unterschiedlichen Umweltbedingungen umgehen, solange sie nicht zu extrem sind, siehe Klimaerwärmung. Dafür können wir nichts so richtig gut. Wir können nicht so schnell sprinten wie ein Gepard, können den Fischottern beim Schwimmen nicht das Wasser reichen und frei wie ein Vogel sind wir auch nicht.

Es ist also, zumindest aus ökologischer Sicht, überhaupt nichts Falsches daran, opportunistisch zu sein. Stellt euch vor, euer Lieblingsteam ist gerade dabei, ein wichtiges Spiel zu verlieren. Warum nicht einfach die Seiten wechseln? Der Abend wird garantiert schöner, wenn es einen Sieg zu feiern gibt.

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