×

Ein Spaziergang der Klöntaler­strasse entlang

Ein Spaziergang der Klöntaler­strasse entlang

Freitagnachmittag vor einer Woche: Im Klöntal scheint die Sonne und die Blätter an den Bäumen verfärben sich in allen Farbtönen des Feuers. Der Tag ist wie geschaffen für einen Spaziergang.

Lucas
Blumer
25.10.21 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben

Wie sich auf einem Spaziergang der Klön­talerstrasse entlang zeigen wird: So einige nutzen das schöne Wetter, um es zu geniessen. Der Spaziergang beginnt beim Restaurant «Rhodannenberg». Es scheint die Sonne, es grasen die Schafe und ihre Glocken läuten leise. Ein älteres Ehepaar mit grauen Haaren und grellen Daunenjacken nimmt eine haarige Raupe genauer unter die Lupe, die gerade die Strasse überqueren will. Es beginnt, nach Grilladen zu riechen. Andere Spaziergänger gehen auf den grauen Felsen dem Wasser entlang und sehen sich den grossen «Ablaufstutzen» der Axpo genauer an. Etwas weiter in Richtung des Bootsstegs fischt ein einsamer Angler vom Ufer aus.

Oberhalb des Bootsstegs hat sich eine junge Familie auf einem Bänkli eingerichtet und grilliert ein paar Bratwürste auf einem tragbaren Kugelgrill. Wohl vom Geruch angelockt, räkelt sich in der Nähe eine junge Katze in der Sonne. Ja, sie kämen öfter hierher, es gefalle ihnen sehr gut, sagen die frisch gebackenen Eltern Daniel und Madeline. Ihr Sohn Jano sei vier Monate alt und sehe das Klöntal heute zum ersten Mal. Im Moment versteckt er sich aber im Tragepullover von Madeline und sieht nicht gerade viel.

Was Madeline am Klöntal gefällt, ist aber nicht unbedingt das Optische. «Es gibt sicher schönere Bergseen, in denen etwa das Wasser klarer ist», sagt sie, aber das Klöntal habe ein unvergleichliches Flair, das man sonst nirgends finde. Was Madeline und Daniels Sohn vom Klöntal hält, ist noch unklar. Aber bei so begeisterten Eltern kann sich das fast nur in eine Richtung entwickeln.

Alt und jung im Klöntal

Nur ein paar Meter entfernt steht ein anderes älteres Ehepaar ohne grelle Daunenjacken und schaut beeindruckt auf den trockengelegten Steg hinunter, auf dem die Böötler ansonsten zu ihren Schiffen gelangen. «Wir haben vom tiefen Pegel in den Nachrichten gehört und wollten es uns mal anschauen», sagen die Dame und der Herr, die namentlich nicht genannt werden möchten, aber nichts dagegen haben, als Zürcher Unterländer bezeichnet zu werden. So häufig kämen sie auch gar nicht ins Klöntal, vielleicht einmal im Jahr, schätzen sie. «Wir machen dann meistens die Reise über den Pragelpass», erklärt der Mann.

Der Strasse entlang in Richtung Vorauen macht sich die Sonne noch stärker bemerkbar. Der schwarze Teer der Strasse und die steilen Felswände auf Höhe des Wasserschlosses reflektieren die Wärme der Herbstsonne. Das führt dazu, dass sich vier Baslerinnen in modischen Wintermänteln und dicken Schals für eine Pause auf das Mäuerchen am Strassenrand setzen. Via Tiktok und Instagram hätten sie erfahren, dass der Klöntalersee im Moment sehr tief sei, erzählen sie. Obwohl sie vorher noch nie im Klöntal waren, habe es auf den Bildern schön ausgesehen, und daher hätten sie sich spontan entschieden, eine Reise nach Glarus zu machen.

Nun, da sie das Klöntal mit eigenen Augen gesehen haben, können sie sich gut vorstellen, auch im Sommer wieder zu kommen. «Man kann hier im Sommer schon baden, oder?», fragt Rabina, deren Idee es überhaupt war, hierher zu kommen. Rasch werden noch ein paar Selfies und Gruppenfotos auf dem Mäuerchen geschossen. Vielleicht locken diese ja noch ein paar Besucher mehr ins Glarnerland.

Am und im Wasser

Sobald aber die Sonne hinter den noch üppig belaubten Bäumen versteckt ist, verliert sie einiges an Kraft. Sehr zum Nachteil des jungen Mannes in nassen, schwarzen Unterhosen und der jungen Dame mit weiss gefärbten Haaren, die vom See her auf ihren weissen VW-Bus zurennen, den sie beim Parkplatz direkt neben der Froschunterführung parkiert haben. «Wir sind gerade von einer Wanderung zurückgekommen und mussten für unsere Freunde noch ein Beweisfoto machen, dass wir auch wirklich im Klöntal waren», erzählt der zitternde Herr, während er sich den Oberkörper trocknet. Weshalb sie dafür unbedingt ins Wasser mussten, kann er nicht beantworten, «es war arschkalt, aber auch lustig», ergänzt er.

Die nächsten 600 Meter der Strasse entlang in Richtung Vorauen wird es ruhiger. Zwischendurch schaut das steile Ufer zwischen den Bäumen am linken Strassenrand hindurch und es wird klar, wie schnell es an diesen Stellen in die Tiefe des Sees geht – wenn denn da Wasser wäre.

Unterhalb eines grossen Kiesparkplatzes stehen zwei Männer am Wasser. Simon Hubler und Benno Meister, der einsame Angler von vorhin. «Wir haben uns verabredet, er war einfach schon früher hier als ich», erklärt Hubler. Die beiden haben sich einen ruhigen und sonnigen Platz am Seeufer gesucht, und für die Kamera werfen sie ihre Angelruten so synchron wie möglich ins Wasser. Die Fische scheinen von dieser Darbietung aber wenig beeindruckt – es beisst nichts an. «Zum Essen habe ich ein paar Bratwürste dabei», sagt Hubler schulterzuckend. Sicher ist sicher.

Die beiden kennen das Klöntal schon seit langer Zeit. «Als ich früher noch in Riedern gewohnt habe, kam ich täglich mehrmals hier hoch», sagt Simon. «Manchmal auch nur, um eine zu rauchen und dann wieder zu verschwinden.» Es sei schon schade, dass im Sommer nun so viele Touristen aus den umliegenden Kantonen kämen, dass manchmal sogar die Strasse gesperrt werden müsse. Da sind sich beide einig. Umso angenehmer sei es jetzt, wenn man seine Ruhe habe und in Frieden fischen und grillieren könne, sagt Hubler.

Weder Wasser noch Menschen

Etwas weiter der Strasse entlang, finden sich weder Menschen noch Wasser oder Sonne. Der See reicht nicht viel weiter als bis zum Bärentritt, und die Sonne verschwindet langsam wieder hinter dem Glärnisch. Das Einzige, was bleibt, sind Schlamm und Lehm, der von einer dünnen Eisschicht überzogen ist, wo die Sonne nicht hinreicht. Auf dem Seegrund finden sich menschliche und tierische Fussspuren, die sich in den Weiten der Lehmlandschaft verlieren.

Das Klöntal ohne Wasser ist speziell. Mitten auf dem eigentlichen Grund des Sees verschwindet das Gefühl für Entfernungen, dafür kommt eines von Einsamkeit und Deplatziertheit auf. Trotzdem ist die Umgebung vertraut, und die von der Jahreszeit gefärbten Bäume überziehen die Flanken des Tals mit einer Farbensymphonie. Das spezielle Flair vom Klöntal ist auch spürbar, wenn der See zu einem Grossteil verschwunden ist.

Kommentieren

Kommentar senden