×

Engadiner Geschichten

Engadiner Geschichten

Hans Peter
Danuser
01.06.21 - 04:30 Uhr
Robby (13) an der legendären Windsurf-WM in den Bahamas, die er locker gewann. Zwei Jahre vorher hatte er zuhause in Hawaii surfen gelernt...
CLARISSA VON PLATEN

Hans Peter Danuser und Amelie-Claire von Platen sind im Engadin zu Hause und zeigen uns ihren Blickwinkel. Was bewegt Land und Leute? Wo ist das Engadin stark und wo hinkt es einzelnen Mitbewerbern hinterher? Und was geschieht auf politischer Bühne? Der Blog «Engadin direkt» berichtet persönlich und authentisch.

Im April hat mir die Journalistin und Fotografin Clarissa von Platen ein Paket mit alten Dias geschickt, die sie vor 40 Jahren im Engadin aufgenommen hatte. Clarissa war Mitte der 1970er Jahre eine der ersten Windsurferinnen auf dem Bodensee. Während ihr Gatte, ebenfalls Surfer, als Rechtsanwalt und Personalchef Karriere machte, war Clarissa mit ihrem Töchterchen im orangenen Bulli VW-Bus unterwegs und berichtete über die ersten Windsurf-Regatten. So auch 1981 über den spektakulären 4. Engadin Windsurf-Marathon auf dem Silsersee.

Die meisten dieser Dias zeigen Start- und Wettkampf-Szenen der Regatta sowie zwei Einzelpersonen, die ich auf den ersten Blick wiedererkannte: Nicolò Holinger, Initiant und OK-Chef des Marathon mit seinem markanten Schäferhut sowie Robby Naish, erster Windsurf-Weltmeister, beide Pioniere und Teil der Windsurf-Geschichte: Nicolò und seine Familie im Engadin, Robby auf der ganzen Welt. Als damaliger Kurdirektor, dem Nicolò auf dem Lej da Champfèr das Surfen beigebracht hatte, sind mir beide Persönlichkeiten in bester Erinnerung.

Die Holinger-Familie hat das Windsurfen Mitte der 70er Jahre ins Engadin gebracht: Papa 'Barba' Ruedi, Schreinermeister mit grauem Bart, vier Söhne und Mama, die gute Seele für 'Futter und Logistik'. Nicolò gründete die erste Windsurfschule im Engadin und organisierte 1978 den ersten Windsurf-Marathon der Welt auf dem Silsersee, heute die älteste Surf-Regatta dieser Art überhaupt.

Nicolò blieb dem Engadin in verschiedenen Funktionen erhalten und coachte 2017 und 2018 seine Tochter Valeria mit dem legendären Rennpferd 'Usbekia' gar zur ersten 'Königin des Engadin' im spektakulären Skikjöring auf dem gefrorenen St. Moritzersee.

Robby Naish wurde 1963 auf Hawaii geboren und begann mit 11 Jahren zu windsurfen. 1976 wurde auf den Bahamas die erste Weltmeisterschaft im Windsurfen ausgetragen, wo Robby als 13-jähriger den Titel gewann und Clarissa von Platen eine grosse Reportage für die Weltwoche schrieb.

1978 war Robby als 15-Jähriger Sieger des 1. Engadin Windsurf-Marathons. 

Naish holte sich insgesamt 23 WM-Titel im Windsurfen, 1998 jenen im Kite Surfen, 1999 jenen im Kite-Sprint. Im Jahr 2000 wurde Robby 'Boarder of the Millennium', erhielt den Titel des 'Lifetime Boarder', und seit 2002 ist er in der 'PWA Hall of Fame' eingetragen. In Deutschland wurde Naish sechsmal zum 'Surfer des Jahres' gekürt.

1996 gründete Robby seine Firma 'Naish Sales Hawaii', die mittlerweile weltweit Segel, Surfbretter, Kite Surf Ausrüstungen und Zubehör verkauft. Seit bald 15 Jahren ist Naish auch führend im Stand up Paddling/SUP-Geschäft, was seinen Namen und die Marke Naish auch vielen Menschen ausserhalb der Surfszene zum Begriff macht.

Begegnungen und Erlebnisse wie diese haben meine Zeit im Engadin geprägt und wertvoll gemacht. Windsurfen, das ich auf dem Comer See noch immer aktiv betreibe, war für mich eine wichtige Erfahrung und Vorbereitung auf die spätere Einführung weiterer neuen Sportarten in und um St. Moritz, was nie ohne Widerstände, Konflikte und weitere 'Geburtswehen' vonstatten ging.

Was Ende der 1970er Jahre der Kampf der seit Jahrzehnten im Engadin mit grossen Verdiensten etablierten Segler gegen die Windsurfer war, wiederholte sich Mitte der 1980er Jahre beim Rennverein und dem Tierschutz gegen die 'wilden' Polo-Sportler auf dem gefrorenen St. Moritzer See, Anfang der 1990er Jahre die Skifahrer und Bergbahnen gegen die lockeren Snowboarder, dann die Langlauf-„Klassiker“ gegen die „Skater“ und in den letzten 20 Jahren die Wanderer gegen die Mountainbiker…

Wenn ein Tal so schön und perfekt ist für all diese spektakulären Sportarten, ist das ein Geschenk, stellt aber gerade in der Hochsaison grosse Anforderungen an die Verantwortlichen in Sachen Organisation und Kommunikation sowie an jeden Einzelnen - Gast wie Einheimischen -, an  sein Verhalten, seine Toleranz, Rücksicht, Haltung und Humor.

PS: Das seinerzeitige Töchterchen von Clarissa hat mittlerweile im Engadin geheiratet und bereitet ihren Sohn gerade auf einige der Sportarten vor, die er später mal auf und neben den Engadiner Seen ausüben kann...

Kommentieren

Kommentar senden