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Hallo Zwangsehe

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PIXABAY
Single
Böckin

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Kürzlich traf ich mich mit Freunden zum Mittagessen. Wir sind ein bunt gemischter Haufen. Nicht nur unsere Charaktere sind unterschiedlich, sondern auch unsere Herkunft und damit auch das Verhältnis zu Beziehungen und dem Single-Leben, was sich an diesem Mittag erneut gezeigt hat.

Die Unterhaltung fing eigentlich ganz locker an. Wir sprachen gerade über den Zusammenzug der Kollegin mit ihrem Freund und über die Probleme zwei Haushalte zu einem zusammenzuführen. Mein Single-Ich amüsierte sich köstlich – schliesslich konnte ich selbst und ganz alleine über den Einrichtungsstil meiner Wohnung entscheiden. Ich musste keine Unterhaltung über unpassende Beistelltische oder schreckliche Sofas führen. Ich durfte dies alles mit mir alleine ausmachen. 

Als ich mich noch immer über meine Single-Vorteile freute, wechselte unser Thema und die Stimmung abrupt. Einer der Kollegen erzählte plötzlich von seinem Cousin und dessen Schlamassel. Seine Familie hatte ihm eine Frau ausgesucht, welche er heiraten sollte. Eine Zwangsehe also. Für gewisse Menschen unvorstellbar, für andere eine gute Sache. Ich möchte darüber gar nicht urteilen. Allerdings fand der Cousin des Kollegen kürzlich heraus, dass seine Zukünftige psychische Probleme hat. Die Familie seiner künftigen Frau streitet dies aber vehement ab. Dem armen Teufel bleibt nun nichts anderes übrig, als diese Frau zu heiraten. 

Plötzlich äusserten sich auch die anderen am Tisch. Viele konnten sich nicht vorstellen, dass die Eltern ihnen einen Mann vorsetzen würde. Sie hatten alle – mal mehr, mal weniger zur Freude der Eltern – ihre Partner selbst ausgewählt. Sie hatten sich die Diskussionen über Möbel und Wohnorte selbst «eingebrockt». Was mich aber wirklich überraschte, war die Aussage meiner italienisch-stämmigen Kollegin. Ihr Vater – ein Vollblut-Italiener – hätte ihr gerne ein Mann aus seinem Dorf ausgesucht. Er hätte ihr gerne bei der Männerwahl geholfen und war so gar nicht begeistert, als sie mit ihrem Schweizer Freund – unverheiratet! – zusammenzog. Mittlerweile sind sie verlobt, aber ihr Vater sei nach wie vor noch enttäuscht. 

Meine Mutter hatte mir kürzlich scherzhaft erklärt, dass sie sich sonst mal auf die Suche nach einem passenden Kandidaten für mich machen könnte. Ich lehnte dankend ab. Zwar würde mich interessieren, was für einen Mann mir meine Eltern aussuchen würden, wenn sie denn ein Mitspracherecht hätten, aber es beruhigt mich doch, dass dies eine hypothetische Frage bleibt und ich mir nach wie vor meine eigenen Möbel aussuchen kann.

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