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Der «Ernst» des Lebens

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Schachmatt gesetzt von der Mutter. Mit nur einer Frage.
Single
Böckin

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Kürzlich war ich bei meinen Eltern zum Essen eingeladen. Es sollte ein gemütlicher Samstagabend werden, der seinen Höhepunkt in ein oder zwei Gläschen Wein zu viel finden sollte. Doch ich hatte die Rechnung ohne meine Mutter gemacht.

«Bist du eigentlich noch mit diesem Kerl zusammen?», wollte sie zwischen Spätzli und Fleischvogel plötzlich wissen. «Welcher Kerl?», war meine ehrliche Reaktion. Ich hatte seit mehr als einem Jahr keine feste Beziehung mehr. «Na dieser Dingsda. Der, der in diesem Kleiderladen arbeitet. Timo. Nein, Tim. Bist du noch mit Tim zusammen?», sie blickte mich erwartungsvoll an. Auch mein Vater hatte seine Gabel neben den Teller gelegt und wartete auf eine Antwort meinerseits. Ich seufzte. Was für ein abgekartetes Spiel. Die beiden hatten sich definitiv vorher abgesprochen.

«Tim und ich sind nur Freunde», und naiv wie ich bin, ging ich davon aus, dass das Thema damit erledigt sei. Mitnichten. «Freunde? Aber er ist doch dauernd bei dir zuhause», legte mein Vater nach. «Es ist nichts Ernstes! Können wir das Thema nicht lassen?», bat ich beinahe schon verzweifelt. Ich war mir bewusst, dass ich geradewegs in die typische Eltern-Falle getappt war. «Nichts Ernstes? Kind, du bist bald 30. In diesem Alter sollte man sich dem Ernst des Lebens bewusst sein. Dieses unverbindliche herumgetingle bringt dir doch langfristig nichts», meine Mutter schenkte sich Wein nach, mein Vater rückte sein Glas in ihre Richtung. Auch ich streckte meines hin. Noch während sie die Flasche an meinen Glasrand setzte, fuhr sie fort: «Es gibt so viele anständige Männer da draussen. Und du hast doch so viel zu bieten. Warum möchtest du denn keine richtige Beziehung? Eine, die Früchte trägt?» Auffordernd schaute sie mich an. Und machte keinerlei Anstalten mein Glas zu befüllen. Schach. Ich stand bildlich mit dem Rücken zur Wand. Meine Eltern wollten eine Antwort. Und zwar eine gute.

«Ich möchte nicht finanziell von einem Mann abhängig sein. Zuerst werde ich fertig studieren. Dann mein eigenes Geld verdienen. Ist es nicht sinnvoller, zuerst sein eigenes Leben so weit geordnet zu haben, dass man für niemanden zusätzlichen Ballast darstellt?», ich blickte meiner Mutter tief in die Augen. Der Arm mit dem Weinglas begann langsam zu zittern. «Also ich finde das vernünftig!», erklärte mein Vater. Uff. Meine Mutter kniff die Augen zusammen und schenkte mir den Wein ein. «Du könntest uns diesen Tim trotzdem mal vorstellen», murmelte sie und schien zufrieden mit sich selbst. Schachmatt. Selbst mein Vater, der sich wieder hingebungsvoll dem Abendessen widmete, schien mit dem Ausgang dieses Verhörs zufrieden. Und während ich an dem hart erkämpften Wein nippe, denke ich nicht im Traum daran, ihnen Tim vorzustellen. Tim mag vieles gut können, aber ein Abendessen-Verhör-Schachspiel mit meinen Eltern hält selbst er nicht durch. Das überlasse ich dann eines Tages der Liebe, beziehungsweise dem «Ernst» meines Lebens.

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