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Müssen wir gleich heiraten?

Uhr
PIXABAY
Single
Böckin

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Die Heirats- und «Wir bekommen jetzt mal Kinder»-Phase ist in vollem Gange. Um mich herum schlüpft ein Baby nach dem nächsten und die Hochzeitsglocken läuten auch schon seit zwei Jahren. Manch eine Single-Frau bekommt dabei wohl bereits Schweissperlen auf der Stirn. Aber darüber möchte ich nun gar nicht referieren. Ich widme mich heute lieber der männlichen Spezies und deren Eigenart, welche sich mit Ü30 plötzlich entwickelt. 

Ich frage mich nämlich: Was ist passiert, dass Männer bereits beim zweiten Date ihre Einstellung zu Hochzeit und Kindern kundtun müssen? Wo ist die Zeit, als man noch Dates hatte und über die Lieblingsmusik und Reiseziele diskutierte. Als die gegenseitige Anziehung das einzig zentrale war? 

Heute unterhalten wir uns beim ersten Treffen über Erreichtes, Geplantes und No-Goes. Ok, wir wissen mit über Dreissig was uns gefällt und was nicht, aber müssen wir uns nach den ersten fünf Minuten über die Zukunftsplanung und allfällige weisse Kleider und volle Windeln unterhalten? 

Ich möchte hier keineswegs alle Männer in den gleichen Topf werfen und doch lässt sich bei mir und meinen Freundinnen ein kleines Muster erkennen. Praktisch jede mir bekannte Single-Frau erzählte mir vom selben Phänomen: Man trifft sich ein paar Mal und schon ist es auch wieder vorbei. Der Grund: Wir haben andere Vorstellungen vom Leben!

Hä? Wie bitte? Nach zwei Treffen kann man sich vielleicht nicht anziehend finden, aber man kann doch unmöglich wissen, ob man die gleichen Vorstellungen vom Leben hat? Naja, ausser man spricht wie das Date einer Freundin, bereits beim zweiten Treffen über das Thema Kinder und Hochzeit. Naja, dann kann es natürlich sofort zu unüberbrückbaren Differenzen kommen und man spart sich teure Kosten für Verlobung, Vermählung und Scheidung. Oder eben auch nicht, weil das Gegenüber all diese Dinge sowieso ausschliesst. 

Natürlich datet man mit über Dreissig nicht mehr fünf Jahre lang, bis man dann feststellt, dass man sich wohl in andere Richtungen entwickelt, aber wo bleibt die Leichtigkeit? Wo der Sinn für das Geniessen? Unsere Generation hat teils verlernt, sich Zeit zu nehmen und sich überraschen zu lassen. Wir wollen den Ausgang jeder Sache am liebsten bereits vor dem Start kennen und keine Zeit damit verschwenden, dass etwas nicht 100 Prozent passt. 

Wir sind getrieben vom Optimierungszwang und der Jagd nach dem Bestmöglichen und verlernen dabei das Ungewisse zu geniessen. Also hinfort mit all den Vorab-Recherchen auf Social Media, den Hochzeits- und Kinderfragen beim zweiten Date, und lasst uns die Zeit geniessen, wenn wir die Chance bekommen jemanden kennen zu lernen. Meine verheirateten und liierten Freunde würden nämlich ab und an viel dafür geben, dieses Gefühl des Neuen und Unbekannten wieder einmal zu erleben. Die Frage nach dem Hochzeitswunsch können wir dann getrost aufs zehnte Date verschieben.

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