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Die Überbleibsel einer Beziehung

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Single
Böckin

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

«Wir haben uns letzten Freitag getrennt». Vor mir steht eine meiner besten Freundinnen. Nennen wir sie der Einfachheit halber Jenny. Jenny und ihr Neu-Ex Jonas waren fast acht Jahre zusammen. Seit sechs Jahren wohnten sie zusammen. Nächstes Jahr wollten sie heiraten. Nun lag das also in Schutt und Asche. Was für ein Mist. «Ich weiss gar nicht mehr, wer ich ausserhalb der Beziehung bin!» Jenny seufzt. Ich seufze auch. Stimmt. Das ist etwas vom anstrengendsten nach einer Trennung. Das «sich-selber-neu-kennenlernen». Wer ist man wirklich? Wie hat man sich in den Jahren der Beziehung verändert? Was sind die neuen Wertvorstellungen? Was sind aktuell die wichtigsten Bedürfnisse? Fragen über Fragen. Und leider gibt es dazu nur einen allgemeingültigen Ratschlag: «Jenny, das musst du jetzt für dich alleine rausfinden», versuche ich ihr zu erklären.

Sie schluchzt. Die Aussicht darauf scheint sie mässig zu begeistern. Ich kann sie nur allzu gut verstehen. Nach meiner Trennung hatte ich erstmal das Bedürfnis mich in die Arme eines grösseren, hübscheren, nicht unbedingt schlaueren Mannes zu flüchten. Und meinen Ex damit zu vergessen, ohne mich mit mir selber auseinander setzen zu müssen. Der Blick hinter die Kulisse kann nämlich schmerzen. Was ist denn von einem selber noch übrig? Ist man noch die erfolgreiche, starke Frau, die man vor der Beziehung war? Oder hat die Karriere unter der Beziehung gelitten? Welche Freunde sind noch da? Welche mussten wegen der Zeit mit dem Partner zurückstecken? Es scheint wie mit Schrödingers Katze zu sein. Solange man die Box nicht öffnet, ist die Katze gleichzeitig tot und lebendig. Solange man sich nicht mit seinem neuen Single-Ich auseinandersetzt, ist die erfolgreiche Karrierefrau, die man mal war, gleichzeitig tot und lebendig. Was soviel heisst, wie dass dieser Teil des Lebens noch nicht ganz gestorben ist. Für Jenny ist das momentan, wie auch für mich damals, ein grosser Trost.

Es ist also absolut verständlich und nur natürlich, den Blick auf die Überbleibsel der eigenen Person auf später zu verschieben. Früher oder später wird Jenny, wie auch ich vor zwei Jahren, eines Abends nach ein, zwei Gläsern Wein im Bett liegen, die Decke anstarren und sich fragen «wie zur Hölle bin ich hier gelandet?»

Das wird der Durchbruch sein. Jenny wird, wie ich damals, eine absolut miserable Nacht durchstehen, gequält von Traumfetzen aus einer harmonischeren Zeit. Sie wird aufwachen und eine Weile brauchen, um zu realisieren wo sie ist und was in den letzten Wochen passiert ist. Sie wird sich ihr Frühstück machen und irgendwo zwischen Kaffee und Morgenzigarette einen Entschluss fassen. Ein neues Ich muss her. Eine neue Frisur, ein neues Hobby, vielleicht sogar ein Haustier. Wie ich wird sie ihren Alltag bis auf die letzte Minute durchstrukturieren, mit Arbeit und sinnvoller Freizeitbeschäftigung ausfüllen. Öfter wieder um die Häuser ziehen, bis spät abends mit ihren Freundinnen telefonieren. Und Stück für Stück wird sie wieder zu einer Frau, die gerne auf sich selbst blickt um zu sehen, wer man überhaupt ist, so ausserhalb einer Beziehung.

Doch dafür ist es für Jenny noch zu früh. Deshalb nahm ich sie in den Arm und sagte das einzige, was sie in diesem Moment hören wollte: «Lass uns was trinken gehen. Vielleicht finden wir ja einen schnuckeligen Barkeeper für dich?»

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