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Das fiese Erdmännchen in meinem Kopf

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So in etwa sieht er also aus - Misanthoni
PIXABAY
Single
Bock

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Ich durchstöbere die Tinderprofile meiner Zielgruppe mit einem gewissen Gegenfilter. Und ja, ich durchstöbere. Wegwischen, ohne den Beschrieb zu lesen, so denn da einer ist, widerstrebt mir. Ich versuche ja in meinem Profil auch mit Humor und Ésprit davon abzulenken, dass meine Bilder nicht dem allgemeingültigen Schönheitsideal entsprechen. Deshalb hier mein erster Aufruf: Lest die Beschriebe von Tinderprofilen. Es ist viel Bullshit mit dabei … manchmal entdeckt man aber auch Perlen. Und die sind auch ohne Match lohnenswert.

Zurück zu meinem Gegenfilter - nennen wir ihn «Misanthoni» (wie Misanthrop also Menschenfeind … checksch? Badumm-Tss. Er sieht aus wie ein Erdmännchen. Das schwöre ich. Das Bild im Artikel hat auf keinen Fall nur zum Ziel, mehr Leute zum Lesen zu verführen – aber ich verliere mich wieder in Details). Weil ich weiss, wie man Dinge schönreden kann (ich hab das schliesslich mal studiert) lege ich unbewusst jedes Profil, das mir angezeigt wird, unter meinen mentalen Gegenfilter. Er interpretiert, was mit welcher Aussage, verschleiert werden soll. Das geschieht nicht mal unbedingt bewusst. Aber es geschieht.Und es ist eigentlich ziemlich schade.

Nehmen wir also an, ich swipe mich auf dem Sofa lümmelnd durch die Profile 28- bis 38-jähriger Singlefrauen aus der Region (wobei «Region» bei mir ja relativ ist, wie der erfahrene Leser dieses Blogs weiss). Was sagt mir Misanthoni, wenn ich mir die Profile anschaue – inklusive Profiltext?

  • Ich sehe Reisebilder: Ihr wisst schon: Beine am Strand aus der Ego-Perspektive, Sonnenuntergänge, das obligate Machu-Picchu-Selfie und Zitate wie «Reisen ist das Einzige, was man kauft, das einen reicher macht». Was mir Misanthoni sagt: «Der gefällt’s überall…nur nicht daheim. Lass dich auf sie ein und es wird dir ähnlich gehen. Irgendwann läuft sie davon, weil ein Südamerikanisches oder Asiatisches Land interessanter ist.»
  • Ich sehe Filter: Misanthoni schreit: «Wenn sie keinen digitalen Filter hat, muss sie sich ihr Gesicht eine Stunde lang zukleistern, bis man sie auch bei Tageslicht anschauen kann.»
  • Ich sehe Pferdebilder. Misanthoni rumort: «Die hat keine Zeit für dich. Wochenenden werden im Stall oder auf dem Pferd verbracht. Du wirst als Partner immer nur Platz zwei belegen. Pferdesalami ist ab sofort Tabu und wirst dich an den Stallgeruch gewöhnen müssen, bis sie dich dann irgendwann für ihren Reitlehrer verlässt.»
  • Ich sehe ausschliesslich Bilder von Bergtouren. Misanthoni schnaubt: «Verabschiede dich von deinen Chill-Wochenenden. Du wirst jeden Sonntag um 06.30 Uhr aufstehen und dann den ganzen Tag auf schweisstreibenden Durchhalteübungen verbringen.»
  • Ich sehe Esotherik-Geschwurbel wie «Carpe Diem», «gib jedem Tag die Chance, der beste deines Lebens zu werden» oder den Saint-Exupéry-Evergeen: «Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar» Misanthoni säuselt: «Sie hat die Tiefe einer Pfütze und hat keine eigenen Gedanken, daher zitiert sie einfach die allgemein anerkanntesten.»
  • Ich sehe Bio-Foodporn: Quinoa-Bowl-Bildstrecken und Your-body-is-your-castle-Sprüche. Misanthoni nuschelt mit vollem Mund: «Klar, sie kümmert sich um ihren Körper. Das ist toll. Du magst schöne Köper. Sie wird es dir aber wohl jedes Mal mindestens eine Woche vorhalten, wenn du am Freitag-Abend mit den Jungs noch kurz im Mac warst und dir haarklein aufzählen, was du deinem Körper damit angetan hast, während sie dich dazu zwingt, deinen Salat ohne Sauce zu essen.»

Ihr seht, ich kann nicht normal Tindern. Mein Gegenfilter Misanthoni ist ein intolerantes Arschloch. Ich vermute – und da schliesse ich mal wieder frech von mir auf den Rest der Welt – dass wir alle einen Gegenfilter haben, der uns unbewusst oder vielleicht auch bewusst die Möglichkeit verbaut, tolle Menschen kennenzulernen, weil sie es vorher nicht durch unseren Filter geschafft haben.

Deshalb hier und jetzt mein Aufruf: Schickt euren Misanthoni in die Ferien. Klar, er will euch nur vor Enttäuschungen schützen – er ist aber auch ein sehr oberflächlicher Zeitgenosse und verhindert gleichzeitig jegliche positive Überraschung. In diesem Sinne: Filter off – spot on! Viel Spass beim Tindern – und wer weiss, vielleicht matcht ja eine unter euch plötzlich mit mir. Ich fänd’s super.

Bis bald

Euer Singlebock

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