×

Mein Über-Ich zieht an der Handbremse

Uhr
Drei Geister leben, ach, in meinem Kopf.
PIXABAY
Single
Bock

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Ich habe mich in meinem Leben schon so ein paar Mal richtig heftig verliebt. Das war vor allem in Teenagerjahren und während des Studiums so. In den vergangenen paar Jahren ist das aber kaum noch vorgekommen. Ich habe irgendwann meine emotionale Handbremse angezogen, weil ich keinen Bock mehr darauf hatte, mir mein Herz brechen zu lassen.

Das Problem der Herzbrecherei war durchaus selbstgemacht. Ich habe mich lange viel zu sehr in meine jeweilige Verliebtheit hineingesteigert, die Damen auf ein Podest gestellt und versucht, sie mit grossen und/oder romantischen Gesten für mich zu gewinnen. Meist ohne Erfolg. Das, weil ich mich und meine Beziehungsambitionen durch mein Alltagsverhalten auch mit Vollgas in der Friendzone parkiert habe. Eine ungeschickte Mischung. Mir wurden viel Verständnis, Mitleid und Vorschläge zur Freundschaft entgegengebracht. Vor allem mit letzterem wurde mir aber auch mein Herz unzählige Male gebrochen. Darauf hatte ich irgendwann keine Lust mehr.

Also habe ich mir angewöhnt, mein Herz möglichst lange im Hintergrund zu halten, wenn ich eine Frau kennenlernte, die mich interessierte. Das war gar nicht immer so einfach. Um das zu erklären bemühe ich jetzt kurz Sigmund Freud. In seinem Strukturmodell der Psyche beschrieb er drei Instanzen: Das «Ich» (kritischer Verstand), das «Über-Ich» (moralische Instanz) und das «Es» (Lustprinzip und Libido).

So, nun kennen wir die drei Kollegen «Ich», «Es» und «Über-Ich». Zurück zu meinem Problem: Meine drei Instanzen hatten in Liebesdingen regelmässige Fights auszutragen. In erster Linie, weil sich mein «Es» mit wehenden Fahnen der Verliebtheit hingeben wollte und die Arschbombe ins Rosawolken-Becken anstrebte, was mein «Über-Ich» (die moralische Instanz) zu verhindern suchte. Wo mein «Ich» (Vermittler zwischen «Es» und «Über-Ich») früher auf mein «Es» hörte, übernahm dann irgendwann mein «Über-Ich» die Leitung, wenn es ums Verlieben ging. Also mehr Verstand als Herz. Der gewiefte Leser merkt: Beim Verlieben das Herz aussen vor zu lassen, kann nicht gut gehen – genau. Ich bin also vom Superverlieber zum vorsichtigen Handbremsen-Anzieher geworden.

Warum erzähle ich euch das so umständlich? Es wird Frühling und wir dürfen langsam auch wieder mehr raus. Nach acht Wochen Single-Einzelhaft macht unser Leben langsam wieder erste Schritte in Richtung Normalität. Ich habe in den letzten Tagen immer wieder gemerkt, dass mir das debile Verliebtheitsgrinsen meines «Es» fehlt. Dafür muss es aber nicht einfach nur wieder mehr Interaktion geben, sondern ich muss für mich auch wieder lernen, in Liebesdingen mehr auf mein «Es» zu hören. In vielen anderen Bereichen kann ich das sehr gut – was auch nicht immer nur sinnvoll ist. Es ist an der Zeit, die drei Ausprägungen meiner Psyche zu sortieren und mit ihnen zu klären, wer nun wann wo wie stark den Lead übernehmen soll. Ich setze mich also bei Gelegenheit mit den dreien zusammen, trinke ein Bier, einen Long-Island-Iced-Tea («Es»), einen normalen Eistee («Ich») und ein stilles Mineralwasser (Über-Ich) mit ihnen. Schliesslich will ich mich ja auch mal wieder so richtig verlieben. Mit Insekten im Bauch, permanentem Rosa-Filter und meine Freunde nervender Monothematik («Sie isch jo soooooooo toll, so schön, so luschtig, so intelligent...blablabla»).

In diesem Sinne: Liebe Traumfrau, in ein paar Tagen oder Wochen bin ich ready und habe ausklamüsert, welche Freud'sche Instanz nun wann wie Chef sein darf. Du kannst mir dann also liebend gerne über den Weg laufen. Wir erkennen uns dann schon – hoffe ich.

Passt auf euch und eure drei Persönlichkeiten auf - wir brauchen sie alle drei.

Euer Singlebock

Kommentar schreiben

Kommentar senden