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Was suchen wir eigentlich?

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Die eine Person finden, die für einen da ist - egal, was passiert. Wollen wir nicht alle eigentlich das?
PIXABAY
Single
Bock

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Wer den Singleblog hier regelmässig liest, weiss, dass ich mich hin und wieder den Verlockungen von Streamingdiensten wie Netflix & Co. hingebe. Sie haben mir durch die letzten einsamen Wochen in meinem Single-Haushalt geholfen. Dabei habe ich mich bemüht, nicht zu viele Schnulzen zu schauen. Rein aus Selbstschutz. Ich wollte mich ja schliesslich nicht komplett ins Tal der Tränen bingen. Nun – letzte Woche habe ich diesen Schutzwall eingerissen und mir «The Notebook» angeschaut. Ich hatte den Film schon vor einigen Jahren gesehen – und weil ich nah am Wasser gebaut bin, Rotz und Wasser geheult, ob der tragisch-romantischen Liebesgeschichte.

SPOILER-Alarm Der folgende Abschnitt verrät den Schluss des Filmes. Wer ihn also tatsächlich noch nicht gesehen hat, sollte diesen Part auslassen.

«The Notebook» oder auf Deutsch «Wie ein einziger Tag» erzählt die Geschichte eines Paares, das sich in den 1940ern kennen und lieben lernt. Sie kommt aus der Oberschicht, er ist eher der Handwerker. Ihre Eltern finden die Beziehung nicht so toll und die beiden trennen sich, obwohl keiner von beiden das eigentlich will. Sie verlieren sich aus den Augen. Er zieht in den Krieg, sie lernt einen anderen Mann kennen. Sie treffen sich nach Jahren wieder und merken, dass sie nie aufgehört haben, sich zu lieben. Erzählt wird die Geschichte in der heutigen Zeit, also als Rückblende. Ein Mann erzählt die Geschichte einer Frau, die in einem Altersheim lebt. Es stellt sich heraus, die alte Frau und der alte Mann sind die Hauptfiguren aus der Geschichte. Sie leidet an Demenz und er liest ihr immer wieder aus einem Notizbuch vor, um ihre Erinnerungen zu wecken und für kurze Zeit, gemeinsam mit ihr, ein Liebespaar zu sein, bevor sie alles wieder vergisst.

Letzte Woche habe ich den Film aus einer mir bisher unbekannten Perspektive geschaut. Mein Vater leidet seit einiger Zeit an Demenz und lebt seit ein paar Monaten in einem Heim für Demenzkranke. Meine Mutter besucht ihn regelmässig, erzählt ihm von ihrem Alltag, zeigt ihm Bilder und Videos, die sie davor im Familien-WhatsApp-Chat eingefordert und gesammelt hat.

Meine Eltern haben, sofern ich das als Sohn beurteilen kann, eine schöne Ehe geführt. Den grössten Teil davon habe ich ja selber mitbekommen. Es war immer eine Beziehung auf Augenhöhe. Mit tollen und mühsamen Momenten. Gemeinsam haben sie Hindernisse umschifft, das Leben genossen und ein mehrheitlich glückliches Leben verbracht. Sie haben zusammen gelacht, gestritten, Abenteuer erlebt und ihren Kindern ein behütetes Aufwachsen ermöglicht. Da war nicht immer nur eitel Sonnenschein. Da waren auch schwierige Zeiten. Durch ihre gemeinsame Geschichte und die sie verbindende Liebe haben sie aber auch die Tiefen einer Beziehung überstanden.

Vor kurzem ist das Ganze ungemein schwieriger geworden. Sie leben, aufgrund des Pflegebedarfs meines Vaters, nicht mehr im gleichen Haushalt. Der tägliche Austausch fehlt meiner Mutter. Sie vermisst ihn. Den Menschen, mit dem sie den grössten Teil ihres Lebens verbracht hat. Der immer da war, egal, welche Steine ihr das Leben in den Weg legen mochte. Mein Vater vergisst je länger je mehr und lebt in einer eigenen Welt. Seine Erinnerungen springen in den Jahrzehnten hin und her. Er macht sich, meist ohne Anlass, Sorgen um seine Familie  was er schon immer getan hat. Wenn wir mit ihm sprechen – in letzter Zeit war das coronabedingt nur telefonisch – beruhigen wir ihn und erzählen aus unserem Alltag. Fragen kann er nur noch selten beantworten, weil ihm die Worte fehlen oder weil er sich nicht erinnern kann. Es bricht mir das Herz. Ich kann nur erahnen, wie es für meine Mutter sein muss.

Nun – was hat diese Geschichte im Singleblog von «suedostschweiz.ch» zu suchen? Ich will es euch erklären: Als Single sehnt man sich doch nach Zweisamkeit. Man wünscht sich jemanden, der da ist, wenn es einem nicht gut geht. Jemanden, der zu einem hält, egal was passiert. In guten wie in schlechten Tagen. Der Deutsche Rapper «Curse» hat das mal ziemlich treffend formuliert:

«Ich brauch 'ne Frau, die mich liebt und mir alles gibt,
Die mich covered, egal was ist, und mein Lazarett im mentalen Krieg.»

Was, wenn nicht das langsame Vergessen des eigenen Lebens, lässt sich mit «mentalem Krieg» beschreiben. Ich bin froh, dass mein Vater genau diese Unterstützung hat. Ich bin froh, dass meine Mutter da ist und ihm immer und immer wieder die gleichen Geschichten und Geschichtchen erzählt. Weil sie ihn liebt. Weil er sie liebt. Weil die beiden sich über Jahrzehnte gegenseitig unterstützt haben. Egal, wer von beiden mal stolperte, beide wussten, dass der andere sie auffangen würde.

Ich wünsche uns, euch und mir, dass wir für uns eine solche Person finden. Eine Person, mit der man sich Erinnerungen schafft, die ein ganzes Buch füllen – sei es auch nur im Geiste. Einen Menschen, der Co-Autor des eigenen Lebens wird und an dessen Biografie man mitschreiben darf. Ich wünsche uns, dass wir das gleiche Glück haben, das meine Eltern vor ein paar Jahrzehnten hatten, als sie sich über den Weg gelaufen sind.

In diesem Sinne: Augen auf – nicht dass wir diesen Menschen noch verpassen.

Passt auf euch auf. Euer Singlebock

 

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Dieser Mensch, den jeder von uns benötigt, den wir suchen, über den Sie schreiben: «Augen auf – nicht dass wir diesen Menschen noch verpassen», dürfte für viele, allzu viele leider illusorisch sein: Weil wir eine Gesellschaft der Vereinzelung, Single(bock)haushalte sind (Bundesamt für Statistik), weil «Einsamkeit» nicht zufällig der Bestseller des Hirnforschers Prof. Spitzer ist, weil selbst wenn einem das Glück zuteil ward, den Seelenverwandten zu entdecken und dieses ebenso erwidert wird, einer übrigbleibt (sofern sie nicht gleichzeitig sterben). Deswegen und weil auch viele weder Kinder, Verwandte bzw. GLEICHGESINNTE bzw. engere Freunde haben (so sehr sie es auch verdient hätten), auf die sie in der Not, und darum geht es hier ja primär, zählen dürfen, plädiere ich für eine bessere Methodiketablierung, solche Gleichgesinnten zu finden (so wie es in der Medizin beispielsweise Methoden gibt, passende Blutgruppen zu finden) und für den verletzlichsten Teil des Lebens, Krankheit und Sterben/Tod, zumindest Schutzengel zu haben, die die Barmherzigkeit, das Bedürfnisverständnis/Gnade geben würden, das ich empirisch verifiziert so sehr vermisse in der heutigen Oberflächlichkeit, Rücksichtslosigkeit, die sich umso mehr schein-kompensatorisch mit Marketingworten wie Achtsamkeit und Empathie tarnt.
Ja, was suchen wir: Geborgenheit, Heimat (vgl. das Wort Heimweh), unser ich im Gegenüber.
Aus meinem Kommentar:
https://www.suedostschweiz.ch/aus-dem-leben/2019-11-11/luag-emal-aetti-…
«Geliebt wirst du einzig, wo schwach du dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.» – Theodor W. Adorno. Fremdbestimmung, etwas erdulden müssen, das man nicht will, nicht erträgt, gibts in unserer Welt eh mehr als genug.