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Charmanter Lebemann oder chauvinistischer Lump?

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Was Pixabay liefert, wenn man nach «Macho» sucht!
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Single
Bock

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Ich halte mich für einen offenen Zeitgenossen, der sich bemüht, niemandem mit dem eigenen Verhalten zu nahe zu treten oder gar zu verletzen. Egal ob Männlein oder Weiblein. Ich wurde von einer Frau erzogen, die als selbständige, intelligente und erwachsene Frau in den 1960ern in der Schweiz nicht die Möglichkeit hatte, bei Volksabstimmungen ihre Meinung kund zu tun. Sie hat mich erzogen, um aus mir den oben erwähnten offenen, anständigen und freundlichen Mann zu machen, der ich zu sein versuche. Sie hat mir beigebracht, wie wichtig es ist, Frauen mit Respekt zu behandeln. Dafür danke ich ihr und muss gleichzeitig gestehen, dass mir diese Maxime im Umgang mit Geschlechtsgenossen leichter fällt.

Unter Männern – und das ist eine nicht repräsentative Vermutung aufgrund selbst gemachter Erfahrungen – fallen immer wieder grobe Sprüche und beleidigende Sätze. Das war aber nie wirklich ein Problem. Pöble ich einen Kollegen an, pöbelt er zurück. Ein Wort gibt das nächste (#dinimueter) und irgendwann steht man Arm in Arm an der Theke des bevorzugten Lokals – oder in der Gasse davor – und gesteht sich in bierseliger Stimmung die gegenseitige Sympathie. Je besser man sich kennt, desto deftiger können die Sprüche ausfallen. In aller Regel weiss man sein Gegenüber einzuschätzen und wo die Grenze liegt. Überschreitet man diese, wird die Stimmung kurz angespannt – man entschuldigt sich und meist verträgt man sich dann schnell wieder und gibt dem Gegenüber ein Bier aus.

Die Kommunikation zwischen Mann und Frau füllt Kommentarspalten, Romane, Gedichte und Onlineforen. Allerspätestens seit #metoo sollte aber dem allerletzten Stoffel bewusst geworden sein, dass man sich als Mann nicht alles erlauben darf. Ich spreche hier nicht von Selbstverständlichem wie gleichem Lohn für gleiche Arbeit oder gleiche Karrierechancen für Frauen. Ich spreche davon «Hey Poppa, ficka?» oder ähnliches als adäquaten Vorschlag zum gemeinsamen Koitus anzusehen. Ich spreche davon, ungefragt Dickpics zu verschicken. Ich spreche davon, Stalking als romantisches Durchhaltevermögen zu verklären.

#metoo hat offenbar viele Männer verunsichert. Die einen versuchen für sich auszuloten, wo und wie sie sich in der Vergangenheit gegenüber Frauen falsch verhalten haben. Sie reflektieren und passen ihr Verhalten nach bestem Wissen und Gewissen an. Die anderen werden wütend und lamentieren darüber, einer Frau nicht mehr die Tür aufhalten zu können, ohne als Sexist zu gelten.

Liebe Geschlechtsgenossen, ganz ehrlich: Geht den ersten Weg. Man sieht ihn nicht unbedingt immer klar vor sich liegen, aber es ist der richtige. Geht ihn. Von mir aus in kleinen Schritten und lasst euch von Rückschlägen nicht vom Weg abbringen. Ja, Rückschlägen. Wir Männer werden wohl nicht von heute auf morgen jahrzehntelang gelebte und/oder erlernte Verhaltensweisen ablegen können. Wir sind es den Frauen aber schuldig, es immer und immer wieder zu versuchen. Uns zu entschuldigen, wenn wir Frauen vor den Kopf gestossen haben. Uns zu überlegen, ob wir einer Frau zu nahe treten, wenn wir tun, was uns unser Stammhirn im Moment grad vorschlägt.

Fazit des heutigen Blogs zu einem Thema, das ein x-faches an Platz einnehmen könnte und eigentlich auch müsste: Ich nehme für mich nicht in Anspruch, immer besonnen, vernünftig, respektvoll und niemals sexistisch zu handeln und gehandelt zu haben. ABER: Selbstreflexion ist wichtig. Sie stärkt das mentale Fingerspitzengefühl. Und das braucht’s, um eben charmanter Lebemann und nicht chauvinistischer Lump zu sein. Das sollten wir Männer – ob Single oder nicht – versuchen. Jeden Tag.

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