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Fake you!

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Nicht Amandine. Hätte aber sein können.
Single
Bock

Bau ein Haus, pflanz einen Baum, mach ein Kind – dass dieser Lebensentwurf nicht zwangsläufig auf jeden Menschen zugeschnitten ist, beweisen die anonymen Liebesbriefe ans wunderschöne, elende Single-Leben. Ein Hoch auf Selbstgespräche, Dosen-Ravioli und Liebeleien.

Meinen Facebook-Account gibt es seit 13 Jahren. Nach Adam Riese macht mich das: alt. Ich hatte zwar keinen Myspace- oder Second-Life-Account, dafür war ich auf StudiVZ sehr aktiv und habe wild rumgegruschelt. TiKTok und Snapchat: Hab’ ich, aber nutz‘ ich nicht. Die wirklich «wichtigen» TikTok-Clips schaffen es auch in meine verstaubte Facebook-Timeline. 2012 habe ich meinen ersten Instagram-Post gemacht. Den dritten dann erst vier Jahre später. Was ich sagen will: Ich habe durchaus eine Affinität für soziale Netzwerke. Meist bewege ich mich aber noch auf Facebook – hin und wieder auf Instagram. Wie dem auch sei. Durch die zurückhaltende Nutzung meines Instagram-Accounts war dieser bisher auch öffentlich einseh- und abonnierbar. Das hat sich nun aber geändert. Warum? Ich will es Euch erzählen.

Wie gesagt, bin ich auf Insta privat nicht sehr aktiv. Entsprechend hält sich auch meine Followerzahl in überschaubaren Grenzen. (Oh, ich sehe grad, ich habe die 500er-Marke geknackt). Unter meinen Abonnenten sind in erster Linie Leute, mit denen ich auch auf Facebook verbunden bin. Schulfreunde, Arbeitskollegen und dann noch ein paar Accounts, von denen ich nicht genau weiss, warum sie mir folgen. Mein Account war, wie gesagt, bisher offen für alle. Da folgen einem als Mann dann auch Accounts, die man auf den ersten Blick als Fake ausmachen kann. Das sind in aller Regel leichtbekleidete Superschüsse, die in ihrer Bio auf eine Seite verlinken, auf der ihre Nacktbilder zu sehen sein sollen. Wenn man auf solche Accounts nicht reagiert, verschwinden sie nach einiger Zeit wieder von der eigenen Followerliste. Es gibt da aber auch subtilere Herangehensweisen, wie ich vor einigen Tagen lernte.

Ich bekam eine Nachricht von einer Amandine, die mir seit einigen Tagen folgte. Sie schrieb in Englisch, ihr Profil war aber in französischer Sprache. Also antwortete ich auf Französisch. Sie freute sich und wir schrieben ein paar Nachrichten hin und her. Vielleicht muss ich hier noch anmerken: Es war ein Freitagabend und ich schon etwas in Feierstimmung nach einem Feierabend-Apéro mit Kollegen. Amandine war sympathisch und attraktiv. Zu attraktiv, um einfach so zufällig jemandem Nachrichten zu schicken. Ich war also – noch zurückhaltend – auf der Hut. Sie erzählte mir von ihrem Leben in Toulouse und davon, was sie sich für die Zukunft wünschte. Sie wünsche sich einen Partner und Kinder. Einen Partner, der sich voll und ganz auf sie einlasse. Sie wolle lieben und geliebt werden und habe das Gefühl, dass ich der Richtige für diesen Plan sei.

So schnell verliebt sich niemand. Nicht einmal mein angeduseltes Ich.

Meine Skepsis wuchs immer weiter. Wenn mir eine sehr attraktive Blondine nach einer Stunde Insta-Chat von der grossen Liebe erzählt. So schnell verliebt sich niemand. Nicht einmal mein angeduseltes Ich. Ich schrieb ihr dennoch weiter. Ich wollte wissen, wann sie mich mit einer herzzerreissenden Geschichte nach Geld fragen würde. Mittlerweile war ich mir sicher, dass ich mit einem Fake-Account interagierte. Amandine hatte noch weniger Posts als ich und alle waren vor ein paar Tagen entstanden. Unter ihrem Namen fand ich bei Google überhaupt nichts. Hätte auch Zufall sein können, passte aber irgendwie in meine erwachte Skepsis.

Ich amüsierte mich noch eine Weile. Amandine versicherte mir weiter, dass es unglaublich sei, wie sehr ich zu ihr passe. Sie erzählte mir von ihrer Familie. Ihr Vater sei gestorben und ihre Mutter sei mit dem Bruder in Kanada, um das Geschäft ihres Vaters aufzubauen. «AHA…da ist die Legitimation für die Frage nach Geld», dachte ich mir. Ich versuchte sie zu beschwichtigen und ihr zu sagen, dass sie doch nach anderthalb Stunden nicht verliebt sein könne. Irgendwas in mir erhoffte sich wohl, dass da doch irgendwo etwas an Amandine echt sein könnte.

Sie wünschte mir Pest und Cholera an den Hals.

Irgendwann schrieb ich ihr aber, dass ich ihr sicher niemals Geld überweisen würde. Sie wurde sauer, warf mir vor, dass ich im Netz nur das Eine suche und wünschte mir Pest und Cholera an den Hals. Zwei Tage später schrieb sie mir nochmals und sprach wieder von Familie und Liebe. Ich antwortete nicht mehr und so verschwand Amandine auch aus meinem virtuellen Leben.

Ich bin weiterhin Single, habe keinerlei Connections nach Toulouse und kann weiter diesen Blog für euch schreiben. Dafür habe ich aber wohl auch viel Geld gespart. Oder habe ich tatsächlich eine schöne blonde junge Französin auf der Suche nach der grossen Liebe vor den Kopf gestossen? Wie dem auch sei. Mein Instagram-Account ist jetzt privat. Es braucht dann doch zu viel Zeit, Fake-Anfragen im Zwiegespräch zu entlarven.

Passt auf euch auf. Auch online.

Euer Singlebock

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