×

Die künstliche Intelligenz im menschlichen Körper

Die künstliche Intelligenz im menschlichen Körper

vor 1 Jahr in
Blogs
PIXABAY

In seiner Kolumne «Masüger sagts» widmet sich Andrea Masüger aktuellen Themen, welche die Schweiz und die Welt bewegen (oder bewegen sollten). Der heutige Publizist arbeitete über 40 Jahre bei Somedia, zuerst als Journalist, dann als Chefredaktor, Publizistischer Direktor und zuletzt als CEO.

Vor wenigen Tagen teilte die Eidgenössische Zollverwaltung mit, dass der Import von Büchern in die Schweiz in den letzten zehn Jahren um einen Drittel abgenommen habe. Wen wunderts? Wieso soll man kaufen, was man nicht brauchen kann? Bücher tragen immer mehr die berühmten sieben Siegel: Man versteht sie nicht mehr.

Jeder vierte 15-jährige Schüler kapiert heute nicht, was er liest. 50 Prozent der Schüler können deshalb mit Büchern nichts mehr anfangen. Die vor wenigen Tagen veröffentlichte neueste Pisa-Studie, die einen weltweiten Schulvergleich vornimmt, diagnostiziert eine dramatisch abnehmende Lesekompetenz der Schweizer Schüler. Die Schweiz liegt von 79 ausgewerteten Staaten auf dem 27. Platz.

Angesichts dieser Befunde ist es auch nicht erstaunlich, dass nur noch einer von zehn Jugendlichen bei einer Textanalyse zwischen Fakten und Meinungen unterscheiden kann. Alles verschwimmt in einer Informationssuppe, die man zunehmend nicht mehr löffeln mag. Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Uni Zürich hat in seinem letzten Medienbericht festgestellt, dass inzwischen 56 Prozent der Jugendlichen zu den sogenannten «News-Deprivierten» gehören. Das sind Staatsbürger, die keine relevanten Nachrichten mehr konsumieren, sondern sich vor allem Klatsch, Tratsch und Unterhaltung widmen.

Das Ganze hat einen trivialen Grund: das Smartphone. Während jüngere Schüler noch gerne lesen würden, verlagere sich der Medienkonsum der Älteren nach der 5. Klasse auf die elektronische Ebene, sagt die Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz. Da würden dann auf den praktischen Telefonen, die längst keine mehr sind, Chats genutzt, Netflix und Youtube-Filmchen geguckt, was das Zeug hält.

Das ist nicht per se schlecht: Auch über Audios und Videos lassen sich Inhalte vermitteln, dies zeigte der Wirbel um den Anti-CDU-Youtuber Rezo, der die ganze deutsche Innenpolitik eine Woche auf Trab gehalten hatte. Doch das permanente Schauen von Videos und anderen Bild- und Tonbotschaften scheint das Hirn zu verändern, wie Neurologen feststellen. Man muss davon ausgehen, dass die Wahrnehmung und Rezeption anders funktionieren als bei der schriftlichen Informationsaufnahme. Dies ist sogar beim digitalen Lesen der Fall. Forschungen zeigen, dass Texte auf Papier im Gedächtnis wesentlich besser haften bleiben und besser verstanden werden als solche, die auf einem Bildschirm gelesen werden.

Die Folgen sind klar. Immer mehr Menschen werden künftig Mühe haben, Abstimmungsunterlagen zu verstehen, Gebrauchsanweisungen und Merkblätter anzuwenden oder die Steuererklärung auszufüllen. Sie sind Fake News und politischen Scharlatanen ausgeliefert, die sie nicht durchschauen. Komplexere Texte wie Bücher sind ihnen fern und unzugänglich, und Philosophen und Klassiker der Literatur blicken von einem fernen Planeten herab. Wir werden zwar von Wunderkindern der Technik umgeben sein, die jedes Problem am Computer lösen können (in Mathematik sind die Schweizer Schüler gemäss Pisa-Studie Spitze!), die aber jeden Unsinn glauben werden.

Solche Menschen wären ja reinen Robotern, die mit einem hohen Grad an künstlicher Intelligenz ausgestattet sind, nicht unähnlich. Sie würden einfach so funktionieren, wie sie in der Schule programmiert wurden. Es ist absurd zu sehen, wie viel Aufwand in das heutige Schulsystem gesteckt wird, wie viel Wissen in kürzester Zeit in die Schülerhirne gepaukt werden muss und welche Wirkung dabei resultiert. Sind wir auf dem Weg zu einer Generation von Smartphone-Zombies?

Noch immer wird beklagt, dass die technisch-mathematischen Fächer in den Hochschulen zu wenig genutzt würden und sich zu viele junge Männer und Frauen dem bequemen Studium von nicht exakten Wissenschaften widmeten. Aber irgendwann werden wir noch um Studenten dankbar sein, die wissen, dass es sich beim Begriff Hölderlin nicht um einen Hustensirup handelt.

Kommentieren

Kommentar senden