×

2020 ist das Jahr des Sonntagsbratens

2020 ist das Jahr des Sonntagsbratens

vor 1 Jahr in
Blogs
Vitamine
Gesund bleiben dank ausgewogener Ernährung: Wer taeglich Fruechte und Gemuese isst, braucht keine zusaetzlichen Vitaminpraeparate.

In seiner Kolumne «Masüger sagts» widmet sich Andrea Masüger aktuellen Themen, welche die Schweiz und die Welt bewegen (oder bewegen sollten). Der heutige Publizist arbeitete über 40 Jahre bei Somedia, zuerst als Journalist, dann als Chefredaktor, Publizistischer Direktor und zuletzt als CEO.

Sind Sie Frutarier? Oder Carnevorier? Diese Frage muss man sich stellen, weil nämlich die gegenwärtigen Festtagstafeln von neuartigen Extremisten bedroht sind. Diese essen entweder ausschliesslich Früchte, die von Pflanzen stammen, welche bei der Ernte weder beschädigt noch zerstört werden (= Frutarier) oder sie verschlingen nur Fleischprodukte in allen Ausprägungen, inklusive Fett und Innereien 
(= Carnevorier).

Solche Ideen können nur in einer Überflussgesellschaft entstehen. Man kann es sich heute leisten, alle erdenklichen Arten von Ernährungsvarianten durchzuspielen und zum Allheilmittel zu erklären. Wer hätte denn im Zweiten Weltkrieg auf Fleisch verzichtet? Das Problem war eher, dass es kein solches gab. Vor einer üppigen Tafel das Kreuz zu schlagen und auf einen Apfel und ein Glas Wasser auszuweichen – das ist der wahre Luxus unserer Zeit.

Wir sind also an einem Punkt angekommen, wo nicht mehr der Mangel, sondern der Überfluss die Bescheidenheit diktiert. Die Anhänger der wie Pilze aus dem Boden schiessenden Ernährungsvariationen und -theorien wollen auf ihre Weise die Welt retten. Sie finden auch, dass sie sich besonders gesund ernähren. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen aber, dass keine dieser speziellen Diäten aussergewöhnlich vorteilhaft wäre. Sie sind andererseits aber auch nicht in besonderem Masse schädlich. Wer nur Fleisch isst, hat vielleicht einen etwas erhöhten Cholesterinspiegel, ist ansonsten aber ganz ordentlich versorgt. Und wer sich nur Fallobst verschreibt, hat auch durchaus normale Blutwerte. Der Körper kommt also offensichtlich auch mit Ernährungsfanatismus recht gut klar.

Neben der persönlichen gibt es auch noch die gesellschaftliche Komponente. Die Fleischproduktion verursacht Tierleid und einen hohen Ausstoss von Treibhausgasen. Forscher sagen, dass Fleisch essen schlimmer sei als Fliegen. Wer also nach London jettet, kann sich diese Sünde mit ein paar Vegi-Menüs abschreiben lassen. Umgekehrt argumentieren Carnevorier, ihr Rindssteak stamme von Tieren aus der Umgebung und schneide 
in der Umweltbilanz besser ab als die aus Kolumbien importierte Bio-Banane.

Natürlich springt auch der Staat auf den neuen Ernährungszug auf. In Deutschland wird eine Fleischsteuer diskutiert. Diese soll tierische Produkte verteuern und damit die Nachfrage senken. Der Erlös soll für eine bessere Tierhaltung eingesetzt werden. Werden demnächst die Grünen in eine Regierung eingebunden, steht dies sicher im nächsten Koalitionsvertrag.

Neben den Frutariern, Veganern, Ovo-Lacto-Vegetariern, Carnevoriern und Pescetariern gibt es auch noch die Flexitarier. Diese machen das, was die Menschheit schon seit Anbeginn der Zeiten praktiziert: Sie essen flexibel mal dies und mal das. Man kann davon ausgehen, dass die meisten Schweizerinnen und Schweizer 
zu ihnen zählen. Gesundheitsbewusst is(s)t man beim Fleisch zurückhaltend, achtet auf genügend Früchte und Gemüse und genehmigt 
sich auch gerne mal einen Teller Pasta.

Der Flexitarismus hat auch eine lange Geschichte. Dass über die Woche hinweg kein Fleisch gegessen wurde, war früher ein dem Haushaltsbudget geschuldeter Zwang. Dafür gabs dann den berühmten Sonntagsbraten. Wer zu den Ü50 zählt, wird sich mit Wehmut daran erinnern. Auch wenn das Bankkonto nun auch mittwochs Fleisch erlauben würde, kann man die Tradition des Sonntagsbratens getrost fortführen. Man wandelt dann irgendwie auf den Pfaden der Vernunft und muss sich weder von Fruchttheorien oder Fleischsteuern bedrohen lassen. Man müsste nur noch einen Namen für diese Menschengattung finden: Wie 
wärs mit Domenicarrostariern?

Denn schon für Wilhelm Busch war klar: «Es wird mit Recht ein guter Braten gerechnet zu den guten Taten. (...) Drum hab ich mir auch stets gedacht, zu Haus und anderwärts: Wer einen guten Braten macht, hat auch ein gutes Herz.»

Kommentieren

Kommentar senden