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Ganzoni: «Als Schriftstellerin ist es meine einzige Aufgabe, Geschichten zu erzählen»

Der Bündner Literaturpreis geht dieses Jahr an die Engadiner Schriftstellerin Romana Ganzoni. Nach dem Gewinn hat sie sich unseren fünf Fragen gestellt.

Ruth
Spitzenpfeil
Donnerstag, 16. Januar 2020, 21:54 Uhr Literaturpreisträgerin im Interview
Filmpremiere Sils Maria
Romana Ganzoni wurde mit dem Bündner Literaturpreis 2020 ausgezeichnet.
ROLF CANAL

Herzlichen Glückwunsch zum Bündner Literaturpreis 2020. Hat es die Richtige getroffen?

Es hat auf jeden Fall jemanden getroffen, der sich sehr, sehr freut. Ich merke, wenn ich darüber rede, wie emotional es für mich ist. So ein Preis bedeutet auch einen Auftrag. Er wurde nicht an eine 90-Jährige verliehen, weil man fürchtet, sie sterbe bald. Sondern es ist eine Motivation für künftiges Schaffen. Ich bin überrascht, wie viel Energie das freisetzt.

Sie haben sich vor sieben Jahren entschlossen, hauptberuflich zu schreiben. Wie muss man sich den Alltag einer professionellen Autorin vorstellen?

Sie schreibt nicht acht Stunden am Tag, aber sie denkt immer dran. Es ist das dominierende Element in meinem Leben. Wenn ich nicht schreibe, habe ich ein schlechtes Gewissen. Neben diesem Kerngeschäft ist man als Autorin in der Schweiz aber auch seine eigene PR-Agentur. Das ist manchmal ein bisschen schizophren. Auf der einen Seite muss man sensibel, verletzlich und durchlässig sein. Dann plötzlich gilt es, robust zu werden und ganz businessmässig zu denken.

Ihr erster Roman ist seit September auf dem Markt. Welche Reaktionen erleben Sie darauf?

Ich habe die rührendsten Reaktionen bekommen. Einige meinten im Scherz, sie überlegten sich, wieder mit dem Rauchen anzufangen. Sehr schön fand ich, was mir gestern eine Frau sagte: «Du schreibst genau so, wie es ist. Man denkt nicht nur wichtige Sachen, man denkt durcheinander». Zum Teil erhalte ich sehr ausführliche Mails von Unbekannten. Manche erzählen mir, dass sie den Roman als Genua-Reiseführer gebrauchen und schicken mir Fotos von den Schauplätzen. Jemand bemängelte, der Roman sei zu kurz. Das nehme ich als Kompliment.

Anders als in Ihrem ersten Buch kommt Graubünden in «Tod in Genua» gar nicht vor. War das auch eine Emanzipation vom Etikett «Bündner Autorin»?

Es kommen zwei Bündner Figuren vor, die mir sehr wichtig sind. Ganz bewusst habe ich allerdings das Engadin herausgelassen. Nach «Granada Grischun» hatte man versucht, mich im Bündner Dorf festzuschrauben, obwohl nur die Hälfte der Geschichten im Engadin spielten. Für dieses neue Buch wollte ich eine mondäne Welt erschaffen, die ich mir auch erst aneignen musste.

Sie melden sich oft über soziale Medien zu Wort. Sind Sie der Meinung, dass eine Autorin im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs Stellung beziehen sollte?

Nein, überhaupt nicht. Das mache ich als Privatperson Romana. Als Schriftstellerin ist es meine einzige Aufgabe, Geschichten zu erzählen. Darin wird weder politisiert noch moralisiert. Ich muss die ideale ästhetische Lösung finden und der Geschichte gerecht werden.

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