×

Das «animal politique» zieht weiter

Beni Würths Ära als St. Galler Regierungsrat hat diese Woche mit einem grossen Auftritt geendet. Zeit für eine neue Ära – in Bern.

Fabio
Wyss
Sonntag, 31. Mai 2020, 11:28 Uhr Portrait Beni Würth
Beni national: Mit Bundesrat Ueli Maurer hält Beni Würth in Bundesbern eine letzte Medienkonferenz als Regierungsrat ab.
BILD KEYSTONE

Ein «Hallo» hier, ein «Ciao, wie gahts?» dort. Wenn Beni Würth in Bern in den Zug steigt, kennt man sich. Ob der Zürcher GLP-Nationalrat Martin Bäumle oder die Basler Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan – beide grüssen herzlich. Keine Spur von politischen Differenzen zwischen den beiden Klimapolitikern und dem bürgerlichen CVP-Mann.

In Bundesbern ist gerade ein Kapitel in Würths Politkarriere zu Ende gegangen. Am Donnerstagvormittag präsentierte er als Präsident der Konferenz der Kantonsregierung (KdK) zusammen mit Bundesrat Ueli Maurer ein gemeinsam aufgegleistes Projekt. Es ist Würths letzter Auftritt vor den Kameras als Regierungsrat. Nach neun Jahren in der St. Galler Regierung ist Schluss, sein Wirken als Präsident der KdK endet damit ebenfalls.

Wie der Politiker so der Spieler

Das Projekt, das der in Rapperswil- Jona wohnhafte Würth vorstellt, wird von Bundesrat Maurer als «ein Meilenstein in der Digitalisierung der Schweiz», bezeichnet. Eine von Bund und Kantonen gemeinsam getragene Plattform. Die Initiative sei mehrheitlich von den Kantonen – also Würth – gekommen. Würth dagegen betont mehrfach, wie wichtig die Zusammenarbeit mit dem Bund war.

Weg von der Politbühne, auf zum Fussballplatz. Würth spielt hobbymässig in der Ü50-Mannschaft des FC Wagen. Der 52-Jährige spielt etwa dort, wo er politisiert: rechtes Mittelfeld. Wenn er überhaupt spielt, denn das komme nicht so oft vor, sagt Urs Bailer, Präsident des FC Wagen und Würths Mitspieler. Nicht nur bei der Position scheint es Parallelen von Spieler zu Politiker zu geben: «Auf dem Platz antizipiert er genau, was seine Gegner machen, macht keine dummen Fehler und spielt abgeklärt. In jedem Umfeld weiss Beni, wie er sich verhalten muss», sagt Bailer. Vom Fussballpräsidenten gibt es aber auch Kritik. Und da hören die Parallelen zum Politiker Würth auf: «Er kann zwar einigermassen tschutten, aber ist einfach nicht schnell.»

Nach der Pressekonferenz im Bundeshaus verabschiedet sich Würth von seinen Mitarbeitern der KdK. Wegen Corona ohne Händeschütteln. Bloss ein paar liebe Worte. Einen Happen essen. Auf zum Bahnhof in zügigen Schritten. Rein in den Zug nach St. Gallen – das vorerst letzte Mal zwischen Bern und St. Gallen pendeln. Es gilt, das Regierungsamt zu übergeben. Mittagsmüdigkeit macht sich breit. Würth klappt den Laptop auf, schreibt E-Mails, telefoniert.

Dass Würth zügig arbeiten kann, bewies er letztes Jahr bei der Steuerreform, seiner «grössten Herausforderung als St. Galler Finanzdirektor». Er erledigte das Dossier schneller als seine Amtskollegen in anderen Kantonen. Und das trotz schwieriger Vorzeichen. Würth nannte die Reform einmal eine «Mission Impossible», weil die Fronten im St. Galler Kantonsrat so verhärtet waren. Um die verschiedenen Positionen zu vereinen, erarbeitete Würth einen Kompromiss.

Gerücht wird zum Faktum

Über die Entstehung dieses Kompromisses rankte sich lange ein Gerücht. An einem Mittagessen soll dieser entstanden sein. Am Tisch mit Würth sassen die entscheidenden Mitglieder der Kommission im Kantonsrat. Auf der Rückseite eines Menüplans soll der Finanzdirektor skizziert haben, wie die Reform mehrheitsfähig werden könnte. «Danach war der Mist geführt», sagt Würth.

Das Gerücht ist mittlerweile ein Faktum geworden. Würth hat den Menüzettel aufbewahrt. Marc Mächler, Würths Nachfolger im Finanzdepartement, hat den Zettel bei der Amtsübergabe erhalten. Das Dokument lautet: «Pragmatische Lösungsfindung».

Im Kantonsrat heisst es über Würth: «Er ist der bestdokumentierte Regierungsrat, ausgestattet mit haufenweise Sichtmäppli», sagt Daniel Baumgartner, der Präsident des Kantonsrats in einer Abschiedsrede. Er bezeichnet Würth als «politisches Schwergewicht», ein «animal politique», das immer nach Höherem strebe. «Würths Lebenslauf liest sich wie eine Anleitung für den Weg nach oben.»

Die nächste Sprosse auf der Karriereleiter hat Würth schon erklommen. Vor etwas über einem Jahr rückte er für Bundesrätin Karin Keller-Sutter nach in den Ständerat. Um sich zu behaupten, musste er innerhalb eines Jahres vier Wahlgänge abhalten. Jetzt komme für ihn im Ständerat eine andere Zeit: «Ich werde eine neue Rolle einnehmen. Bisher war ich immer auch der Regierungsrat.» Obwohl ihm Kantonsinteressen weiterhin wichtig seien, kristallisiert sich immer klarer heraus, welche Rollen er einnehmen wird. «Nur» Ständerat, wird Würth nicht sein. Gestern Abend wurde er beispielsweise zum Verwaltungsratspräsidenten der Südostbahn (SOB) ernannt.

Im Zug im Büro: Beni Würth (CVP) pendelt zum letzten Mal als Regierungsrat von Bern nach St. Gallen. BILD: FABIO WYSS

Würth in Fahrt

Eine offensichtliche Herzensangelegenheit. Der Zug ist seit Jahren Würths mobiles Büro. Den ÖV lobt er in höchsten Tönen:

«Wir Schweizer schätzen zu wenig, was wir haben. Zugpannen werden wie Staatskrisen behandelt.»

In seiner neunjährigen Amtszeit in St. Gallen sei er bloss zu zwei Sitzungen wegen Zugsproblemen zu spät gekommen. Im Loblied über den ÖV vergisst Würth fast, dass er umsteigen muss, als der Zug in Zürich einfährt.

«Würth kommt in Fahrt, wenn er zu reden und argumentieren beginnt. Er würde es kaum bemerken, wenn ich zwischenzeitlich mal kurz den Raum verliesse, um mir einen Kaffee zu genehmigen», sagt Martin Klöti über seinen Amtskollegen. Klöti scheidet ebenfalls aus der St. Galler Regierung aus. Seine damalige Wahl erfolgte ein Jahr nach jener Würths. Der abtretende Kultur- und Sozialminister kennt Würth aber schon länger. 14 Jahre lang lebte Klöti in Rapperswil und amtete zwischen 1997 und 2005 im Stadtrat. Mit Würth sei ein frischer, offener und zugänglicher Mensch nach Jona gekommen, sagt Klöti. «Es zeigte sich schnell, dass mit ihm der zweite Anlauf zur Vereinigung der Stadt möglich würde.» 2007 war es soweit, Würth wurde erster Stapi der fusionierten Gemeinden. Klöti meint: «Schade, dass er das Amt wegen seines Karrieresprung verlassen musste, bevor die Verkehrsfragen gelöst wurden. Sicherheit ist ihm als Politiker wichtiger als Risiko.»

Das Amt als St. Galler Finanzdirektor verlässt Würth, nachdem er die Spitalstrategie mitgeprägt hat. Von dieser sei er zu 100 Prozent überzeugt, sagt er. Es bleibe aber ein «hoch emotionales Thema». Gleichzeitig wachsen Schuldenberge an; über 20 Millionen Defizit schrieben die St. Galler Spitalverbunde 2019.
 
Die Spitalstrategie liegt nun im Kantonsrat vor. Würth hätte den Prozess dort gerne weiter verfolgt und adressiert klare Worte ans Parlament: «Trotz regionalpolitischen Interessen müssen die Probleme gelöst werden, und zwar richtig. Mit faulen Kompromissen werden die Probleme weiterhin bestehen und die Finanzen noch dramatischer.»

Freie Feierabende

Die Spitalstrategie absorbierte Würth während des letzten Jahres so stark, dass einzelne Geschäfte im Finanzdepartement deswegen warten mussten. Dazu kommt die Arbeit für das KdK-Präsidium – ein Pensum von etwa 20 bis 30 Prozent –, plus der Wahlkampf für den Ständerat. Das Doppelmandat habe immer wieder Terminprobleme verursacht.

Wie üblich für ein «animal politique» scheint Würth der ständige Druck nichts anhaben zu können. Zu seiner Frau sagte der zweifache Familienvater unlängst: «Ich weiss noch gar nicht, was ich künftig an Feierabenden ohne Arbeit tun werde.»

Kommentar schreiben

Kommentar senden