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Per Fernsteuerung zurück in die Super League?

Die Grasshoppers gehören mit ihrer reichen Vergangenheit in die Super League. Unter der neuen, aus Hongkong gesteuerten Leitung nehmen sie ab Freitag einen neuen Anlauf für die Rückkehr.

Agentur
sda
Freitag, 18. September 2020, 08:56 Uhr Fussball
Bernard Schuiteman, niederländischer Sportchef der Grasshoppers
Bernard Schuiteman, niederländischer Sportchef der Grasshoppers
KEYSTONE/ENNIO LEANZA

Als bodenständigen Klubs konnte man die Grasshoppers nie anschauen. GC, für die Zürcher Traditionalisten «der» GC, war in seiner Geschichte die längste Zeit so nobel wie erfolgreich. Nicht volksnah wie der FC Zürich und trotzdem mit einer breiten Anhängerschaft in der ganzen Schweiz.

Seit letztem April sind die Hoppers noch weniger nah am Volk. Der Klub gehört der Unternehmensgruppe Fosun in Hongkong. Die Besitzerin heisst Jenny Wang, der Präsident heisst Sky Sun. Sun meldete sich unlängst aus China mit einer (ersten) Videobotschaft. Er sprach von baldigen weiteren Veränderungen im Kader und davon, dass «Tschii Sii», der Klub seines Herzens, an die Spitze des Schweizer Profifussballs zurückkehren solle.

Seit mehreren Jahren dirigiert die Fosun-Gruppe die Wolverhampton Wanderers. Der mit der Fosun-Gruppe verbandelte portugiesische Spieleragent Jorge Mendes erledigt die Transfers - zum grössten Teils mit seiner eigenen Klientel. Im aktuellen Kader von Wolverhampton stehen vom Torhüter bis zum Stossstürmer zehn Portugiesen (gegenüber sieben Engländern), und der Cheftrainer ist auch ein solcher. Auch Wolves-Spieler, die nicht aus Portugal kommen, gehören zu Mendes' Schützlingen. Der Erfolg des Modells stellte sich alsbald ein. Im Sommer 2018 stieg die Mannschaft in die Premier League auf, die vergangene Saison schloss sie auf dem 6. Platz ab.

Auch wenn GCs neuer niederländischer Sportchef Bernard Schuiteman, von Fosun eingesetzt, in Abrede stellt, dass GC und Wolverhampton verknüpft sind, ist längst schon klar erkennbar: GC funktioniert bereits nach ebendiesem Modell, auf wesentlich tieferem Niveau natürlich. Wolverhampton leiht zwei Spieler nach Zürich aus. Fünf weitere Neue aus Mendes' Bestand sprechen portugiesisch - wie der neue Trainerstab unter João Carlos Perreira. Jorge Mendes ist Verkäufer und Käufer, Zulieferer und Abnehmer, in der Praxis Spielerberater und Transferchef in einem.

Dass die Lohnsumme der Spieler auf diese Saison steigt, ist nicht gesagt. Denn schon kurz nach der alten Saison trennte sich GC von Spielern, die zu den besser Verdienenden gehört hatten: von Veroljub Salatic, Oliver Buff und Mychell Chagas, dem besten Hopper im Saisonfinale. Nassim Ben-Khalifa wurde laut dessen Agent ein schwach dotiertes Angebot unterbreitet. Auch er belastet das Lohnbudget jetzt nicht mehr.

Die Mendes-Schützlinge sind in der Schweiz auch unter Fachleuten weitgehend unbekannt. Deshalb ist es schwer abzuschätzen, wie erfolgreich der Klub sein wird.

Absteiger mit Aderlass

Wer wird die Rückkehr der Zürcher überhaupt gefährden können? Die beiden Absteiger vielleicht eher nicht, denn sowohl für Thun als auch für Neuchâtel Xamax hat der Fall ins Unterhaus Folgen. Die Budgets werden zurückgefahren, viele Spieler können nicht gehalten werden. In Thun passt beispielsweise der Super-Vorbereiter Matteo Tosetti nicht mehr ins Lohngefüge. Der zweifache YB-Meisterspieler Leonardo Bertone, seit seiner Ankunft letzten Winter ein Schlüsselspieler im Team von Trainer Marc Schneider, geht nach Belgien, weil er sich die Challenge League nicht antun wollte, wie er sagte. Weitere gewichtige Abgänge sind jene von Basil Stillhart, Simone Rapp und Captain Stefan Glarner.

Im Vergleich zu Xamax steht Thun sogar noch gut da. Karlen, Oss, Ramizi, Xhemajli, Seydoux, Kouassi, Serey Die, Neitzke, Djourou, Seferi, Kamber, Haile-Selassie, Sakho, Mulaj, Tafer - keiner dieser Spieler aus dem Bestand der letzten Saison steht Trainer Stéphane Henchoz noch zur Verfügung. Vertraute Namen im überarbeiteten Kader sind noch Walthert, Corbaz, Araz, Gomes, Mveng, Djuric und Nuzzolo, der Unverwüstliche. Ob es reichen wird, um GC dauerhaft herauszufordern, ist zu bezweifeln.

Im FC Aarau will man die enttäuschende Saison 2019/20 (8. Schlussrang) vergessen machen. Drei Zugängen stehen derzeit fünf Wegzüge gegenüber, so jene von Markus Neumayr und des zurücktretenden Marco Schneuwly.

Nicht einfach zu beurteilen sind nach zahlreichen Transfers die neuen Leistungsstärken von Winterthur, Kriens und Wil (jetzt mit Alex Frei als Trainer), die die letzte Saison auf den Plätzen 4 bis 6 abschlossen. Eine Blackbox wie immer ist der FC Chiasso. Wie schon vor einem Jahr ist kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Aber beim Überraschungssieg in Cup gegen den FCZ wiesen die Tessiner darauf hin, dass sie sich diesmal in der Meisterschaft weiter vorne einreihen könnten. In der letzten Saison stiegen sie als abgeschlagenes Schlusslicht nur deshalb nicht ab, weil sie durch keine Mannschaft aus der abgebrochenen Promotion League ersetzt werden konnten.

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