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Merckx, Lemond und Co. verneigen sich vor Pogacar

Die Grössen des Radsports sind von Tour-de-France-Gewinner Tadej Pogacar begeistert. Für Eddy Merckx ist der Slowene «ein ganz Grosser», Greg Lemond fühlt sich an seinen Coup von 1989 erinnert.

Agentur
sda
Sonntag, 20. September 2020, 21:30 Uhr Rad
Tadej Pogacar, der Gewinner der Tour de France
Tadej Pogacar, der Gewinner der Tour de France
KEYSTONE/AP/Thibault Camus

Das Herzschlagfinale von 1989 kennt Tadej Pogacar nur aus Youtube-Videos und alten Erzählungen. Er war noch nicht einmal auf der Welt, als Greg Lemond in einem denkwürdigen Zeitfahren auf den Champs-Elysées in Paris den Sieg bei der Tour de France noch an sich gerissen hatte.

Doch nach und nach schwante dem am Montag erst 22 Jahre alt werdenden Radstar, dass er ähnlich Historisches vollbracht hatte. «Das ist alles zu gross für mich», sagte Pogacar, als er am Samstag aufgeregt vor der Weltpresse stand. «Ich bin nur ein Kind aus Slowenien, habe zwei Schwestern und einen Bruder. Was soll ich sagen?»

Der Sohn einer Universitätsprofessorin - passenderweise im Fach Französisch - war von dem Geschehen selbst überwältigt. Er hatte eigentlich nur davon geträumt, bei der Tour zu starten. «Und jetzt trage ich das Gelbe Trikot», sagte der junge Mann aus Komenda und seufzte.

Mit gerade einmal 21 Jahren und 365 Tagen fuhr Pogacar am Sonntag im Gelben Trikot nach Paris ein. Nur ein Toursieger war jünger: Henri Cornet stand 1904 bei der zweiten Auflage des Rennens kurz vor seinem 20. Geburtstag, den Sieg bekam er nach der Disqualifikation der besten vier Fahrer erst Monate später zugesprochen.

Lemonds Schrei vor dem TV

In einem famosen Bergzeitfahren nach La Planche des Belles Filles hatte Pogacar seinen zuvor so souveränen Landsmann Primoz Roglic in der Gesamtwertung noch überholt.

So wie Lemond 1989, damals aber noch am Schlusstag in Paris. Der Amerikaner war hellauf begeistert von der Triumphfahrt des Slowenen. «Ich habe vor dem Fernseher geschrien, so wie ich 1989 auf den Champs-Elysées bei meinem Sieg geschrien habe. Das ist die Geburt eines grossen, grossen Champions», sagte Lemond der französischen Zeitung «L'Equipe».

Die Grössten des Radsports verneigten sich vor Pogacar. «Ich wusste schon nach der letzten Vuelta, dass er ein Grosser ist. So eine Nummer macht man nicht, wenn man kein Talent hat», sagte der fünffache Sieger Eddy Merckx.

Und der einstige Patron Lance Armstrong, inzwischen in Radsport-Kreisen geächtet und wegen seiner Doping-Vergangenheit lebenslang gesperrt, sprach von einer «Leistung für die Ewigkeit». Vielleicht sei es die beste jemals gewesen.

Teddy statt Champagner

Wer ist dieser Tadej Pogacar? Mit neun Jahren kam er zum Radsport. Das Rennrad war ihm damals noch zu gross, und trotzdem besiegte er die älteren Jungs. Pogacar war schon immer seiner Zeit voraus. Als er bei der Kalifornien-Rundfahrt 2019 triumphierte, musste das Protokoll der Siegerehrung geändert werden. Mit 20 war er noch zu jung für die Champagnerflasche, stattdessen gab es einen Teddy.

Und bei der Spanien-Rundfahrt 2019 gewann er ebenfalls mit 20 drei Etappen, was noch keinem Radsportler in so jungen Jahren bei einer grossen Rundfahrt gelang. Er habe eine gute Genetik mitbekommen, meinte Pogacar: «Dafür muss ich meinen Eltern danken.»

Mit seiner Freundin Urska Zigart teilt er die gleiche Leidenschaft, sie ist ebenfalls Radsportlerin und bestritt gerade den Giro d'Italia der Frauen. Zusammen wohnen sie in Monaco - bislang unscheinbar zwischen all den Reichen und Schönen. «Die Dinge werden sich verändern, aber ich möchte der bleiben, der ich bin. Ich möchte Spass haben, das Leben geniessen», sagte Pogacar.

Belastet ist nur das Umfeld

2009 begann er, die Tour im Fernsehen zu schauen. Damals habe er Alberto Contador zugejubelt. Bleibt zu hoffen, dass ihm ein ähnliches Schicksal erspart bleibt. Contador wurde wegen Dopings für zwei Jahre gesperrt.

Bei Pogacar gibt es bislang keine Verdachtsmomente, auch wenn das Umfeld nicht ganz astrein ist. Sein Entdecker und Sportdirektor Andrej Hauptman wurde im Jahr 2000 wegen eines Hämatokritwerts von über 50 Prozent nicht zur Tour zugelassen, sein Chef bei UAE Emirates, der Tessiner Mauro Gianetti, war in seiner Aktivzeit ebenfalls mit Doping in Verbindung gebracht worden. Und in der Dopingaffäre «Operation Aderlass» führen viele Spuren nach Slowenien - aber bislang keine zu Pogacar.

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