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Unterwegs mit den Helden der Lüfte

Unterwegs mit den Helden der Lüfte

Innert Minuten ist die Rega in der Luft und auf Rettungsmission: Was alles stimmen muss, damit die Helfer von oben ihre Arbeit machen können, zeigt ein Einblick bei der Basis Samedan.

Simone
Janz
22.08.21 - 04:30 Uhr
Aus dem Leben

«Hatten Sie das mit dem Zittern schon mal?», fragt Rega-Notarzt Volker Hübner, als er seine Patientin an den Monitor anschliesst. Puls 96, Blutdruck 154 zu 80. Die Frau liegt in der Corviglia-Bergstation auf einer Holzbank, ihre Begleiterin steht neben ihr und hält den Beutel mit der Infusionslösung hoch. Eine Lungenembolie habe sie vor ein paar Jahren gehabt, sagt sie. Notarzt Hübner, Rettungssanitäter Peter Caviezel und Pilot Giorgio Faustinelli machen sie bereit für den Transport ins Kantonsspital Chur.

Die Patientin auf der Corviglia wird mit dem Rega-Heli ins Kantonsspital Graubünden nach Chur gebracht.
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Zurück in der Basis in Samedan: Damit die Rega bei ihren Einsätzen möglichst schnell vor Ort sein kann, muss schon bei der Vorbereitung alles rund laufen. Dazu gehören die morgendlichen Briefings über die Grosswetterlage, über spezielle Einschränkungen bei den Spitälern und militärische Schiessübungen, denen man lieber nicht in die Quere kommen will. Dazu gehört aber auch die Wartung der Helikopter. Wie praktisch, dass Rettungssanitäter Peter Caviezel auch Basismechaniker ist. Er unterzieht den Heli einer umgehenden Prüfung.

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«Wir starten dort, wo andere aufhören», sagt Faustinelli, der in Samedan auch eine Doppelfunktion hat. Er ist nicht nur Pilot, sondern auch Leiter der Engadiner Regabasis, die höchstgelegene der Schweiz. Hier seien gewisse Faktoren anders als in tiefergelegenen Regionen. Die Luftdichte zum Beispiel: «Wir können hier aerodynamisch nicht dasselbe rausholen. Auch das Triebwerk leistet in dieser Höhe nicht dasselbe.» Faustinelli spricht von einem Leistungsproblem, das sich im Sommer mit hohen Temperaturen noch stärker zeige und das die Crew wettmachen müsse. Weniger Treibstoff tanken oder sogar absaugen lassen oder bei einer Zwischenlandung Material und entsprechendes Gewicht abladen, bevor die Rettungsaktion startet.

Verantwortlich ist das Team in Samedan auch für das Puschlav, das Bergell, den Splügenpass bis in Richtung Hinterrhein. Ab dort weiter südlich ist dann die Tessiner Basis zuständig ist. Auch die Gebiete um Reichenau, Chur,  Davos und Arosa gehören zum Einsatzgebiet der Engadiner Basis und zu den Schnittgebieten mit der Basis Untervaz, wie Faustinelli erzählt. Die zwölf Helikopterbasen sind so über das Land verteilt, dass die Rettungscrews jeden Ort der Schweiz, mit Ausnahme des Kantons Wallis, bei gutem Wetter innerhalb von 15 Flugminuten erreichen können.

Wechselhafte Wettersituationen, plötzliche Umschwünge: Im Vergleich zum Mittelland und zu städtischen Regionen kämpfen Gebirgsbasen wie jene in Samedan bei ihren Einsätzen mit Bedingungen, die sich ganz plötzlich ändern können. Und auch die Einsätze selbst seien natürlich geprägt von der Lage mitten im Tourismusgebiet: «Wenn viele Leute im Tal sind, bedeutet das viele Einsätze für uns. Dafür ist es in der Zwischensaison sehr ruhig. Wir sind aber auch dann 24 Stunden bereit.» Um die 700 Einsätze fliegt das Engadiner Team pro Jahr. In der Wintersaison seien es manchmal bis zu zwölf pro Tag, so Faustinelli.

Und manche von diesen Einsätzen bleiben den Beteiligten noch lange in Erinnerung. Wenn der Unfallort schwer zugänglich ist zum Beispiel, wie bei einem Biker im Puschlav. Hübner, der als Notarzt bei der Rega arbeitet, erzählt von diesem schwierigen Einsatz. Er habe Angst gehabt, dass sein Patient bei der Bergung das Bewusstsein verliere, sagt er.

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«Wir schützen und helfen uns in der Crew gegenseitig», so Hübner. Während des Einsatzes sei man fokussiert auf den Patienten oder die Patientin, auf das medizinische Problem und wie man der Person am besten helfen könne. «Ich schaue, dass ich in dieser Situation keine Gefühle von aussen zulasse.» Ganz ungefährlich sind die Einsätze für das Team nicht. Aber: «Die Sicherheit der Crew steht an erster Stelle.» Fühle man sich mit einer Situation nicht wohl, könne man seine Bedenken im Team äussern, sagt er. «Dann wird beispielsweise noch ein Bergführer eingeflogen.»

Wenn der Alarm bei der Rega-Crew ankommt, weiss sie meistens schon ziemlich genau, was sie wenige Minuten später am Unfallort erwartet. So wie bei einem Wanderer im Bergell, der sich am Knie verletzt hat und nicht mehr weitergehen kann. Innert Minuten ist die Samedaner Crew in der Luft. In dicht bewaldetem Gebiet ist die Rettung mit einer Seilwinde immer eine Herausforderung, wie Rettungssanitäter Caviezel erzählt. Die Äste der Bäume können sowohl beim Herablassen als auch beim Hinaufziehen der Winde ein Problem werden. Pilot Faustinelli muss die Maschine deshalb so ruhig wie möglich halten. Wenn er seine Position verändern muss, gibt ihm der Rettungssanitäter Caviezel an Bord Kommandos, während er nach unten blickt, die Winde mit Notarzt Hübner und dem Patienten fest im Blick. Rega-Rettungsmissionen funktionieren nur im Team.

Rettungssanitäter Peter Caviezel erzählt vom schwierigen Einsatz:

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