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Eine nicht so schöne Weihnachtsgeschichte

Eine nicht so schöne Weihnachtsgeschichte

vor 1 Jahr in
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In seiner Kolumne «Masüger sagts» widmet sich Andrea Masüger aktuellen Themen, welche die Schweiz und die Welt bewegen (oder bewegen sollten). Der heutige Publizist arbeitete über 40 Jahre bei Somedia, zuerst als Journalist, dann als Chefredaktor, Publizistischer Direktor und zuletzt als CEO.

Lonesome George, der einsame Georg, war eine Berühmtheit. Bis er vor sieben Jahren starb. Mit ihm ist seine Art erloschen. Er war der letzte Vertreter der Galapagos-Riesenschildkröten.

Seinen Verwandten geht es nicht besser. Die grosse Jangtse-Schildkröte steht ebenfalls vor dem Aussterben. 200 Millionen Jahre behaupteten sie sich auf der Erde – doch jetzt sind von den ursprünglich 340 Schildkröten-Arten mittlerweile 230 verschwunden oder stark gefährdet.

Doch es geht nicht nur den Schildkröten so. Auch das Sumatra-Nashorn wird es nicht mehr lange geben. Bergbau, Palmölplantagen und Holzschlag haben seinen Lebensraum so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass man diese Tiere wohl bald auf die Liste der Ausgestorbenen setzen wird. Gemäss einer Studie, die Anfang dieses Jahres erschienen ist, sind mittlerweile 60 Prozent der Grosstiere akut vom Aussterben bedroht.

In der NZZ wurde kürzlich das Schicksal des Riesenalks beschrieben: Dies ist ein Pinguin von der Grösse eines Kleinkinds, der auf den Inseln im Nordatlantik lebte. Er wurde in den letzten Jahrhunderten von Seefahrern, die auf sein Fleisch, seine Eier und auf seine Daunen scharf waren, in Massentötungen dezimiert, sodass 1844 noch genau zwei Exemplare übrig waren. Diese wurden von zwei Helden schliesslich mit blosser Hand erwürgt.

Es gab in der Erdgeschichte schon immer Massensterben von Tieren. Oft waren Naturkatastrophen dafür verantwortlich, Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge, auch die Eiszeiten dezimierten Arten. Doch die Wissenschaft geht heute davon aus, dass diese natürlichen Ursachen ein Tintenklecks gegenüber jenen sind, die vom Mensch ausgelöst wurden. Die derzeitigen Aussterbe-Raten liegen um einen Faktor 100 bis 1000 über jenen, für die der Mensch nicht verantwortlich ist.

Der Bestseller-Historiker Yuval Noah Harari schreibt in seiner «Kurzen Geschichte der Menschheit», der Homo sapiens sei ein eigentlicher «ökologischer Massenmörder». Der «weise Mensch» ist für ihn die grösste Katastrophe, von der die Tier- und Pflanzenwelt je heimgesucht wurde. Harari: «Der Homo sapiens hatte die Hälfte aller Grosssäuger der Erde ausgerottet, noch ehe er das Rad, die Schrift und Waffen aus Metall erfunden hatte.» Überall, wo er auftauchte, nahm die Artenvielfalt rapide ab. Der Historiker unterscheidet drei Ausrottungswellen: Die erste wurde von den Jägern und Sammlern ausgelöst, die zweite ging mit der Verbreitung der Landwirtschaft einher und die dritte ist eine Folge der industriellen Revolution.

Das romantische Bild von unseren Vorfahren, die einst im Einklang mit der Natur lebten, ist also nichts als eine Illusion. Nur geht es derzeit noch mörderischer zu und her als in grauen Vorzeiten. Der erste globale Bericht des Welt- biodiversitätsrates, der im Mai erschienen ist, spricht von nahezu 700 Wirbeltierarten, die seit dem Jahr 1500 ausgestorben sind. Bis zu einer Million weitere Spezies von Tieren und Pflanzen könnten bereits innert der nächsten Jahrzehnte verschwinden. Obwohl es gewissermassen Tradition hat, war das Artensterben in der Geschichte der Menschheit noch nie so dramatisch wie heute.

Fatalisten fragen sich, weshalb das eigentlich so schlimm sei. Was haben denn die Menschen mit den Tieren und Pflanzen am Hut? Was kümmert uns, die wir in der Zürcher Bahnhofstrasse shoppen, ob es eine Vogelart mehr oder weniger gibt?

Diese Frage zeigt, wie weit wir unser Bewusstsein von der Realität entfernt haben. Ganz eigennützig gesehen sind Tiere für die sogenannten Ökosystemleistungen enorm wichtig. Ohne diese droht die Nahrungskette zu kollabieren. Man mag das Bienensterben als Anekdote hinnehmen. Doch ohne die Bestäubungsleistung dieser Tierchen gäbe es in der Bahnhofstrasse bald nichts mehr Essbares zu kaufen.

Frohe Weihnachten allerseits.

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